Stuttgart (ddp-bwb). Seit Donnerstag ist es offiziell: Den Geisteswissenschaften an der Universität Stuttgart stehen zugunsten der technischen Studienfächer herbe Einschnitte bevor. In einem «Masterplan», den Unirektor Wolfram Ressel der Presse präsentierte, sind die einschneidenden Maßnahmen festgelegt. Noch handelt es sich um Vorschläge, keine Beschlüsse. Aber die Wut bei den Studenten und Professoren in den von Streichungen betroffenen Fakultäten ist schon jetzt groß. Knapp 100 Studierende stürmen in Müllsäcken gekleidet die Pressekonferenz. Sie sprechen von einem «Desaster».
«Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut«, skandieren die Studenten, die einen Kahlschlag in den Geisteswissenschaften befürchten, während Ressel die in den vergangenen Tagen bereits in Medien kursierenden Pläne bestätigt und konkretisiert. Demnach soll die Universität noch stärker ingenieur- und naturwissenschaftlich ausgerichtet werden. Für die Umstrukturierung stehen 24 Professuren zur Disposition, die umgewidmet werden sollen. »Profilbildende Maßnahmen« nennt das der Rektor. Ziel sei es, sich für künftige Wettbewerbe, vorrangig die nächste Runde der Exzellenzinitiative, «fit zu machen».
Auf der Streichliste stehen zwar auch acht Professuren in weniger forschungsträchtigen Fächern der Ingenieur- und Naturwissenschaften, darunter in den Bereichen Architektur, Siedlungswasserwirtschaft, Biologie, Chemie und Physik. Dem gegenüber stehen allerdings 16 wegfallende Professuren in den Geistes- und den Wirtschaftswissenschaften: Betroffen sind das Historische Institut, die Kunstgeschichte, die Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehrer und - allein mit fünf Professuren - die Literaturwissenschaften. Nur im Fach Germanistik ist eine Stärkung angedacht.
»Wo umstrukturiert wird, bleibt immer etwas auf der Strecke«, räumt der Unirektor unumwunden ein. Zugleich betont er immer wieder, dass sich die Universität nun einmal der Zukunft stellen müsse und zur Umstrukturierung »gezwungen« sei. Ressel zufolge soll der «Masterplan» nun in den zehn Fakultäten mit ihren insgesamt rund 150 Instituten und in den Gremien diskutiert werden. Änderungen schließt er nicht aus. So stand etwa die Mediävistik schon auf der Streichliste, soll nun aber doch erhalten bleiben.
Die protestierenden Studenten lassen sich davon nicht beeindrucken. Mit selbstbemalten Transparenten machen sie deutlich, dass ihnen der vom Rektor geforderte Preis für eine erfolgreiche Teilnahme an Wettbewerben zu hoch ist, auch wenn der Rektor wiederholt versichert, dass es nur um eine »Straffung« und nicht um eine Abschaffung der Geisteswissenschaften geht. In einer Erklärung von Studierendenvertretern heißt es, die betroffenen Bereiche seien »zum Ausbluten« verurteilt.
Auch ein Professor aus dem Historischen Institut macht seinem Unmut Luft. Aus den Zuhörerreihen heraus und unter lautem Applaus von Studenten greift er in der Pressekonferenz den Rektor verbal an: Der Masterplan »amputiert« die Geisteswissenschaften, schimpft er und spricht von einer »unzulässigen und gefährlichen Verengung« der Fächervielfalt. Der Rektor bleibt ruhig. »Es ist immer schwer, sich von etwas zu trennen«, wirft er in den Raum. Als der Professor androht, die von seinem Institut bereits erarbeiteten Vorschläge für den nächsten Exzellenzcluster-Antrag zurückzuziehen, schluckt Ressel aber dann doch. Ihm lägen dazu andere Informationen vor, sagt er nur.
Die Studenten können sich derweil über Unterstützung aus der Politik freuen: Die SPD-Landesvorsitzende Ute Vogt sieht einen »hochschulpolitischen Holzweg« und kündigt ihre Hilfe bei den Protesten an. Auch die Grünen kündigten »nachhaltigen politischen Widerstand« an. Das «Abwracken» der Stuttgarter Geisteswissenschaften dürfe nicht hingenommen werden, heißt es in einer Erklärung der Grünen-Landtagsfraktion.
(ddp)


























