Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) betonte dagegen, nach bisherigen Erkenntnissen seien «ausschließlich terroristische Taliban getötet worden». Der für den Angriff verantwortliche Bundeswehr-Kommandeur muss rechtliche Schritte befürchten. NATO und Vereinte Nationen untersuchen den Vorfall.
Die Taliban setzten ihre Angriffe am Samstag fort: Bei einem Anschlag wurden fünf deutsche Soldaten und ein afghanischer Dolmetscher verletzt. Nach Angaben des Einsatzführungskommandos in Potsdam ereignete sich der neue Zwischenfall am Samstag um 9.50 Uhr Ortszeit etwa drei Kilometer nordöstlich von Kundus. Nach afghanischer Darstellung hatte sich ein Selbstmordattentäter mit seinem Auto in die Luft gesprengt. Schon am Freitag waren deutsche Soldaten, die die Umstände des Luftangriffs untersuchen sollten, unter Beschuss geraten. Verletzt wurde niemand.
Die Staatsanwaltschaft Potsdam prüft, ob ein Ermittlungsverfahren gegen den für den Luftangriff verantwortlichen deutschen Kommandeur eingeleitet werden muss. Der Leitende Oberstaatsanwalt Heinrich Junker, sagte der «Bild am Sonntag»: «Wir prüfen einen Anfangsverdacht wegen eines eventuellen Tötungsdeliktes gegen den deutschen Oberst, der diesen Luftangriff befohlen beziehungsweise angefordert hat.»
Der Kommandeur des Bundeswehr-Lagers in Kundus, Oberst Georg Klein, hatte am Freitag beim Hauptquartier der internationalen Schutztruppe ISAF Luftunterstützung angefordert, nachdem die Taliban zwei Tanklastzüge entführt hatten. Er befahl auch den Angriff. Dabei kamen dutzende Menschen ums Leben. Die Bundeswehr spricht von mehr als 50 getöteten Aufständischen. Der afghanische Präsident Hamid Karsai teilte mit, es seien «rund 90 Menschen getötet oder verletzt» worden. Verteidigungsminister Jung sagte der «Bild am Sonntag»: «Nach allen mir zur Zeit vorliegenden Informationen sind bei dem durch ein US-Flugzeug durchgeführten Einsatz ausschließlich terroristische Taliban getötet worden.»
Nach afghanischen Quellen gibt es aber auch zivile Opfer. Stammesälteste des Dorfes Omarchel sprachen von bis zu 150 Zivilisten, die getötet worden seien. Ein Mitarbeiter der Deutschen Presse-Agentur dpa, der am Samstag zwei der Dörfer im Distrikt Char Darah besuchte, zählte dort 60 frische Gräber. Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos warb um Verständnis, dass die Aufklärung Zeit brauche. «Das wird minutiös aufgearbeitet.» Auch der oberste ISAF-Kommandeur Stanley McChrystal besuchte das Gebiet.
Der schwedische Außenminister Carl Bildt sagte für die EU- Ratspräsidentschaft in Stockholm zu dem Bombenangriff: «Wir gewinnen diesen Krieg nicht, indem wir töten. Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn kritisierte: «Ich verstehe nicht, dass Bomben so einfach und so schnell abgeworfen werden können. Wenn nur ein Zivilist unter den Opfern sei, «ist diese Aktion eine Aktion, die nicht hätte stattfinden dürfen.» Spaniens Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero bezeichnete den Angriff als «nicht hinnehmbar».
Jung rechtfertigte den Angriff. Die Taliban hätten vor der Bundestagswahl mit Anschlägen gedroht, sagte er der ARD. «Deshalb war es eine sehr konkrete Gefahrenlage, wenn die Taliban in den Besitz von zwei Tanklastwagen gekommen sind, die eine erhebliche Gefahr für unsere Soldaten bedeutet haben.» Schützenhilfe erhielt Jung vom Vorsitzenden des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch. «So viel Treibstoff ist in der Hand von Terroristen eine gefährliche Waffe, da musste der Kommandeur handeln», sagte er der «B.Z. am Sonntag».
Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) forderte in der «Bild am Sonntag» restlose Aufklärung. «Gegen verbrecherische Terroristen muss entschieden vorgegangen werden. Gleichzeitig müssen wir aber alles tun, um unschuldige zivile Opfer zu vermeiden.» Der FDP- Verteidigungsexperte Jürgen Koppelin verlangte eine ehrliche Debatte über den deutschen Afghanistan-Einsatz. Es handele sich um einen Krieg. Linken-Fraktionschef Gregor Gysi kritisierte die Informationspolitik: «Während in Afghanistan die toten und verletzten Zivilisten betrauert werden, versucht sich die Bundeswehrführung und das Verteidigungsministerium weiter im Verschleiern.»
Kabul/Berlin (dpa)









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