«Das sind die besonderen Spiele, die man herbeisehnt», erklärte Löw, der am Montag mit seinen 23 Spielern im nagelneuen Lufthansa-Jumbo 747-8 von Frankfurt nach Danzig flog. Nur drei Stunden nach der Ankunft trainierten die 23 deutschen Spieler inklusive Sorgenkind Bastian Schweinsteiger erstmals in Polen. 10 000 Zuschauer verfolgten das Show-Training im Stadion von Legia Danzig, sangen ein Geburtstagsständchen für den nun 27 Jahre alten Lukas Podolski. Schweinsteiger machte nach seiner Wadenblessur auch die Ballübungen und das abschließenden Übungsspielchen mit. Ein Härtetest für den Ernstfall am kommenden Samstag gegen Portugal war das lockere Warm-up für das Turnier aber noch nicht.

Beim Turnier will Löw «mit dem Titelgewinn das i-Tüpfelchen» setzen, das die noch ungekrönte Spielergeneration um Schweinsteiger, aber auch er selbst und die Fußballfans in Deutschland erhoffen. «Damit kann man Fußballgeschichte schreiben und sich unsterblich machen. Von den Europameistern 1996 oder 1972 redet man auch heute noch», erklärte Löw zum Start in die Titelmission.

«Die Vorfreude ist da. Das Projekt geht jetzt richtig los. Die Anspannung steigt», betonte Teammanager Oliver Bierhoff, der im Stadion einen Scheck in Höhe von 10 000 Euro an ein Katholisches Kinderheim übergab. «Alles stimmt, Platz, Organisation, Fans, wir fühlen uns sehr gut aufgenommen», sagte Bierhoff. Der in Gleiwitz geborene Podolski und seine Kollegen trugen Trikots mit Grüßen an die Gastgeber. Auf der Brust stand «Gefällt mir», auf dem Rücken «Danke Polen». Podolski freut sich besonders auf das Turnier. «Die Begeisterung ist riesig, das ist überall zu spüren», sagte er.

Nach einem aktiven Wochenendurlaub zu Hause bleiben dem DFB-Team nur noch drei Tage, um sich im EM-Stammquartier an der polnischen Ostseeküste optimal auf den Startschuss am Samstag im ukrainischen Lwiw vorzubereiten. Schweinsteiger durfte mit seiner Freundin noch einmal kurz italienische Sonne genießen.

Löw wird auf dem nagelneuen Trainingsplatz unmittelbar neben dem Teamhotel «Dwór Oliwski» herausfinden müssen, ob sein Mittelfeldchef die nötige Turnier-Fitness auf den letzten Drücker erlangt oder ob er Schweinsteiger erst im weiteren Turnierverlauf ins Rennen schickt. «Es sieht positiv aus. Er hat noch Sondereinheiten absolviert. Wir sind zuversichtlich», sagte Bierhoff als Trainingszuschauer.

«Jetzt, in der letzten Woche, wird nur noch über Portugal gesprochen», kündigte Löw die totale Konzentration auf den Start an: «Wir Trainer denken natürlich über dieses Spiel hinaus, aber die Spieler sollen sich ausschließlich auf den EM-Auftakt konzentrieren. Das Training wird von der Belastung ganz darauf abgestimmt.»

Bierhoff weiß, dass die Erwartungen nach Platz drei bei der Heim-Weltmeisterschaft 2006, der EM-Finalniederlage gegen Spanien 2008 und dem Sieg im «kleinen WM-Finale» von 2010 von Tag zu Tag wachsen werden. Immer mehr Deutschland-Fähnchen an vielen Autos von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen zeugen schon davon. Die Titelsehnsucht hat auch Löw: «Ich würde mich freuen, wenn ich am 1. Juli in Kiew wäre und beteiligt wäre am großen Finale.»

Weder von einer zerstückelten EM-Vorbereitung, noch vom 3:5-Rückschlag im Test gegen die Schweiz, von der fehlenden Präzision bei der 2:0-Generalprobe gegen Israel oder der Skepsis um die Verfassung der erprobten Turnierkräfte Schweinsteiger, Per Mertesacker und Miroslav Klose war der Optimismus zu erschüttern. «Wir sind absolut ruhig und überzeugt, dass die Mannschaft auf dem richtigen Weg ist», erklärte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, der den EM-Sieg 1996 noch als Pressechef der Nationalelf miterlebt hatte.

Die letzten offenen Personalentscheidungen wird Löw auch aus dem Bauch heraus treffen. «Ich sehe ja, dass manche Spieler auf einem ähnlichen Niveau sind. Dann ist es schwierig, rationale Entscheidungen zu treffen», erklärte der Bundestrainer. In dessen Plänen spielen Angriffs-Routinier Klose (116 Länderspiele) und der Fast-Hunderter Podolski (97) herausragende Rollen.

«Er wirkt ja wie ein 25-Jähriger. Er ist schnell. Er ist beweglich. Er ist fußballerisch stark», sagte Löw zu Klose, der am Tag des Portugal-Spiels 34 Jahre alt wird. Die gebürtigen Polen Klose und Podolski werden auch im EM-Gastgeberland besonders beobachtet. «Das hat eine große Bedeutung. Meine Familie lebt noch da, ein paar Freunde auch», sagte Klose.