Politik
Lichtdruckwerkstatt - «Wir standen schon immer auf wackligen Füßen»
23.11.09 | 12:51 UhrLeipziger Lichtdruckwerkstatt profiliert sich mit originalgrafischen Kunstdrucken Wer um die vorletzte Jahrhundertwende in Deutschland eine Bildpostkarte kaufte, konnte mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sie einer Lichtdruckerei entstammte. Rund 200 dieser Druckereien arbeiteten damals mit dem Verfahren, mit dem sich originalgetreu wie bei keinem anderen Fotos und Kunstwerke vervielfältigen lasen.
Längst haben modernere Techniken den aufwändigen, komplizierten und teuren Lichtdruck verdrängt. Gerade noch zwei aktive Lichtdruckereien gibt es weltweit, eine im japanischen Kyoto, die andere im Leipziger Industriestadtteil Plagwitz. Dort steht Werkstattleiter Udo Scholz zwischen gut 100 Jahre alten gusseisernen Rädern und klappernden Walzen und erzählt, wie es um seine Zunft bestellt ist: «Nicht herausragend. Aber wir standen schon immer auf wackligen Füßen».
Die Technik kann mit bis zu zwölf Farben arbeiten, im Gegensatz zu vier Farben eines herkömmlichen Druckverfahrens - und jede Farbe kostet bis zu tausend Euro, ein aufwändiger Druck kann zudem bis zu einem viertel Jahr dauern. Ja, der Lichtdruck sei teuer und umständlich, sagt Scholz. Und trotzdem hat er mit seiner Firma in dieser Nische überlebt. Denn bis heute ist es allen Druckverfahren in punkto Farbtreue und Wiedergabegenauigkeit überlegen.
Scholz und seine Kollegen betreiben ihre Werkstatt als wirtschaftlich unabhängigen, von einem Verein getragenen Betrieb unterm Dach des Druckkunstmuseums. Sie stellen vor allem Faksimiles von historischen Dokumenten für Museen und Archive her. Zuletzt kopierten die Lichtdrucker den 600 Jahre alten päpstlichen Titel, dem die Leipziger Universität ihre Gründung verdankt.
Die Faksimiles sehen den Originalen so echt, dass, so jedenfalls erzählen es die Leipziger Lichtdrucker, die Staatsanwaltschaft regelmäßig die Auftragsbücher prüft - rein vorsorglich, versteht sich: «Fälschungen können nicht unser Ziel sein.» Und vor Jahren einmal sei ein von breitschultrigen Herren bewachtes Bild zur Reproduktion in die Lichtdruckerei gebracht worden, erzählt Scholz. Sein Inhalt: Vincent van Goghs millionenschweres Bild «Caféterrasse bei Nacht».
Trotz dieser prestigeträchtigen Aufträge: Überleben können die Lichtdrucker kaum damit. Scholz und seine Mitstreiter tun alles, um das seltene Handwerk in Leipzig am Leben zu halten. Zur Leipziger Buchmesse im März des letzten Jahres landeten sie einen werbewirksamen Coup: Sie kündigten an, sich um einen Platz auf der UNESCO-Liste des schützenswerten immateriellen Weltkulturerbes zu bewerben.
Einziges Problem: Die Bundesregierung hat das entsprechende Abkommen noch nicht ratifiziert, ein Antrag auf Aufnahme in die Liste kann also derzeit gar nicht gestellt werden. Nach Ansicht der deutschen UNESCO-Kommission ist damit so bald auch nicht zu rechnen. Kommissionssprecher Dieter Offenhäußer sagt: »Es gibt keinen unmittelbaren Handlungsbedarf.«
Derweil machen Scholz und seine Kollegen sich ernsthafte Nachwuchssorgen. Die Leipziger Lichtdrucker sind fast alle jenseits der 60. Einzig eine junge Auszubildende kommt seit wenigen Monaten tageweise in die Lichtdruckwerkstatt, um die alte Technik zu erlernen - neben ihrer regulären Ausbildung. Denn als Lehrberuf existiert das Gewerk schon seit den 1970er Jahren nicht mehr. Dennoch, sagt Scholz, der UNESCO-Vorstoß habe der Werkstatt genützt. Es sei viel über sie berichtet worden, zunehmend interessierten sich kunstnahe Institutionen und Künstler für ihr rares Handwerk.
Künstler sind es auch, die in den letzten Wochen die Lichtdruckmaschine in Leipzig-Plagwitz ausgelastet haben. Seit Sonntag zeigt das Museum für Druckkunst in einer Ausstellung die Ergebnisse der ersten beiden Leipzig Lichtdruck-Symposien.
Ein Novum sei das, sagt Museumssprecherin Christine Hartmann. Denn nur sehr selten sei der Lichtdruck bislang für die Herstellung künstlerischer Originaldrucke statt für die Reproduktion genutzt worden. Eine zusätzliche Nische für den Lichtdruck? »Derzeit reiten wir auf der Kunstwelle», sagt Scholz, im Gesicht unverhohlene Freude darüber, das seltene Gewerk wieder einmal gerettet zu haben.
Leipzig (ddp-lsc)
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Leipziger Lichtdruckwerkstatt profiliert sich mit originalgrafischen Kunstdrucken Wer um die vorletzte Jahrhundertwende in Deutschland eine Bildpostkarte kaufte, konnte mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sie einer Lichtdruckerei entstammte. Rund 200 dieser Druckereien arbeiteten damals mit dem Verfahren, mit dem sich originalgetreu wie bei keinem anderen Fotos und Kunstwerke vervielfältigen lasen.
Leipziger Lichtdruckwerkstatt profiliert sich mit originalgrafischen Kunstdrucken Wer um die vorletzte Jahrhundertwende in Deutschland eine Bildpostkarte kaufte, konnte mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sie einer Lichtdruckerei entstammte. Rund 200 dieser Druckereien arbeiteten damals mit dem Verfahren, mit dem sich originalgetreu wie bei keinem anderen Fotos und Kunstwerke vervielfältigen lasen.
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