Stuttgart (ddp-bwb). Für seinen Stuttgarter Fernsehturm ist Fritz Leonhardt berühmt geworden, doch vor allem im Brückenbau leistete er Pionierarbeit. Dabei legte der «Baumeister in einer umwälzenden Zeit» - so der Titel seiner Autobiografie - stets Wert darauf, Technik und Ästhetik zu vereinen. Schon früh wies er auf eine «Umweltzerstörung durch Hässlichkeit von Bauwerken» hin. Am 11. Juli wäre Leonhardt, der zu den bedeutendsten Bauingenieuren des 20. Jahrhunderts zählt, 100 Jahre alt geworden. Nicht nur Ausstellungen erinnern an das Lebenswerk des 1999 Verstorbenen. Zu einem Symposium zu seinen Ehren werden in Stuttgart Stararchitekten aus der ganzen Welt erwartet.
Leonhardt wurde am 11. Juli 1909 als Sohn eines Architekten in Stuttgart geboren. Schon früh machte er von sich reden, allerdings zunächst als Wanderer, als er im Alter von 17 Jahren zu Fuß vom Bodensee bis nach Neapel reiste. Nach dem Abitur studierte Leonhardt an der damaligen Technischen Hochschule in Stuttgart Bauingenieurwesen, danach folgte eine längere Studienreise durch die USA, wo er als Tramper 24 000 Kilometer zurücklegte.
Seine berufliche Karriere begann Leonhard im Staatsdienst: Nach der Machtergreifung Hitlers war er von 1934 bis 1938 als angestellter Konstrukteur am Bau der Reichsautobahnen beteiligt. Danach machte er sich selbstständig und brachte zahlreiche Neuerungen in den Brückenbau ein. So entwickelte er das Spannbeton-Verfahren und entwarf neue Hängebrückentypen, darunter 1938 die damals größte Hängebrücke Europas in Köln. «Brückenbau kann eine große Leidenschaft und Liebe werden, die ein Leben lang jung bleibt und begeistert», schrieb er viele Jahre später über seine Berufung.
Leonhardts Fachkunde war auch beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg gefragt. Dabei machte er sich mit eleganten Brückenneubauten zunehmend auch international einen Namen. So war er etwa am Bau der Tejo-Brücke in Lissabon beteiligt. Doch über all seinen Werken schwebt der 217 Meter hohe Fernsehturm in Stuttgart, der 1956 als damals erster seiner Art weltweit eingeweiht wurde und international eine regelrechte Turmbaueuphorie auslöste. Die schlanke Betonnadel mit Turmkorb, von dem aus auch schon Queen Elisabeth II. die Aussicht bewunderte, ist aus dem Stadtbild Stuttgarts nicht mehr wegzudenken.
Von 1957 an lehrte Leonhardt an der Universität Stuttgart als Professor für Massivbau. Er holte den Architekten Frei Otto an die Uni, für dessen berühmte Dachkonstruktion am Münchner Olympiastadion er später das Drahtseilnetz mit entwerfen sollte. In den turbulenten Zeiten der Studentenunruhen war Leonhardt von 1967 bis 1969 Rektor der Universität. «Er hatte visionäre und fortschrittliche Ansätze», sagt Henning Dürr vom Institut für Leichtbau, Entwerfen und Konstruieren über Leonhardt.
Dürr hat anlässlich des Geburtstags ein Leonhardt-Symposium auf die Beine gestellt, das vom 15. bis 17. Juli stattfindet. 250 Baumeister aus mehreren Ländern haben ihr Kommen zugesagt, darunter der Statiker Bill Baker aus Chicago, der den 818 Meter hohen Wolkenkratzer «Burj Dubai» und damit das bislang höchste Bauwerk der Welt mit konstruiert hat. Auch der ehemalige BMW-Chefdesigner Chris Bangle und der niederländische Architekt Ben van Berkel reisen nach Stuttgart. Ziel des Symposiums ist es, über Vorträge mit historischem Bezug zu Leonhardt Visionen für morgen zu entwickeln.
An Leonhardts Wirken erinnert noch bis 26. Juli eine Ausstellung im LBBW-Forum in Stuttgart mit dem Titel «Die Kunst des Konstruierens». Sie wurde vom Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau erarbeitet. Zu sehen sind Architekturmodelle, aber auch persönliche Gegenstände aus dem Leben des Ingenieurs, darunter seine Wanderstiefel. Die Schau wird auch noch in Köln, Berlin und München gezeigt. Eine weitere Leonhardt-Ausstellung ist in Karlsruhe in Vorbereitung: Dort wird die Badische Landesbibliothek ab 22. September speziell auf die Studienreise des jungen Ingenieurs durch Amerika eingehen.
(ddp)


Forum
Facebook
Twitter






















