Kulturhauptstadt-Projekt '2-3 Straßen' geht zu Ende: Vor einem Jahr zog Mathias Lempart von Karlsruhe nach Dortmund in seine erste eigene Wohnung. Für ihn war es nach dem Abitur ein Schritt in die Unabhängigkeit, aber auch ein Schritt ins Ungewisse. Der heute 20-Jährige zog nämlich gleichzeitig in eine Ausstellung, ohne zu wissen, was da eigentlich auf ihn zukommt.
Vergrößern Kulturhauptstadt-Projekt '2-3 Straßen' geht zu Ende | Bild: © dapd

Dortmund (dapd-nrw). Heute, fast ein Jahr später, sitzt er in seinem Zimmer in der Nähe des Borsigplatzes und sagt: 'Ich bleibe.' Dortmund ist seine neue Heimat, hier hat er sich eine Existenz aufgebaut.

Lempart zählt zu den Teilnehmern des Ruhr.2010-Projektes '2-3 Straßen', eine außergewöhnliche Ausstellung des renommierten deutschen Künstlers Jochen Gerz. Sein Konzept: Im Kulturhauptstadtjahr konnten 78 Personen aus unterschiedlichen Ländern zwölf Monate lang in Dortmund, Mülheim und Duisburg wohnen ? mietfrei, aber nicht ohne Gegenleistung. Zum einen sollten die Teilnehmer ihre Erfahrungen und Eindrücke schriftlich festhalten, so dass am Ende des Projektes ein Buch entstehen kann, zum anderen sollten sie die ruhrgebietstypischen Straßen, in denen sie lebten, verändern.

Gerz erhoffte sich eine Belebung der Quartiere durch soziale Prozesse und künstlerische Agitation. 'Wir sind angetreten, um die Straßen ästhetisch zu verändern', erklärte der Künstler zum Auftakt des Projektes. Diese Art der künstlerischen Stadtentwicklung sei ein Experiment, 'das hoffentlich insofern nachhaltig sein wird, als dass andere es nach 2010 fortführen'.

Gerz' Wunsch nach Nachhaltigkeit erfüllte sich tatsächlich. In allen drei Städten wollen einige Projektteilnehmer nicht zurück in ihre alten Wohnorte. In Mülheim wollen sieben Mieter am Hans-Böckler-Platz bleiben. In Duisburg sind es fünf Mieter, die den Stadtteil Hochfeld nicht verlassen möchten. Und in Dortmund in der Oesterholzstraße, direkt am Borsigplatz, wird gut die Hälfte der 31 Teilnehmer bleiben. Die Wohnungsbaugesellschaft erlässt ihnen gar 33 Prozent der Miete.

'Borsig.2011' heißt es dort somit im kommenden Jahr. Die ehemals neuen Mieter, mittlerweile bestens in der Nachbarschaft integriert, wollen ihre künstlerischen Projekte fortsetzen, um das Quartier auch künftig nach vorne zu bringen. 'Wir wissen allerdings noch nicht, ob wir als Verein oder Firma weitermachen', erklärt Mathias Lempart.

Der 20-Jährige ist der jüngste Teilnehmer des Projekts in Dortmund. Sein Jahr in Ruhrgebiet sieht er als Gewinn. 'Mir haben die letzten zwölf Monate alles gebracht', resümiert er. In der Dortmunder Nordstadt habe er ein Wir-Gefühl erfahren, hier wagte er den Schritt in die wirtschaftliche Selbstständigkeit. Lempart gründete vor vier Monaten mit Nachbarn ein eigenes Modelabel, verkauft nun selbst designte T-Shirts über das Internet, hat zudem Verträge mit Bekleidungsgeschäften in Berlin, Karlsruhe oder Wien. Nun will er 'das Konzept weitertragen'.

Anna Wiesinger hingegen kehrt bald zurück ins niedersächsische Lüchow ? und doch bleibt etwas von der gebürtigen Österreicherin: ihre Kunst, die die Häuser bunter macht. Die 52-Jährige fragte die Bewohner nach ihren Lieblingsfarben, malte diese schließlich auf kleine Holztafeln, die heute neben jeder Wohnungstür hängen und von außen Interpretationen über die Mieter zulassen.

'Wegen dieses interaktiven Aspektes bin ich hier hergekommen', so die Künstlerin. Viel nehme sie aus dem Jahr mit zurück nach Hause, bedauere es, die Straße nun wieder zu verlassen. 'Hier hat sich viel verändert, was vor allem darin spürbar war, dass die Menschen offener geworden sind', beschreibt Wiesinger, die das Ruhrgebiet zu schätzen gelernt hat.

'Lebenswert' sei die Region, sagen auch Barbara und Peter Krüger. Das Ehepaar sah das Projekt als Chance, um das bis dahin für sie fremde und klischeebehaftete Ruhrgebiet kennenzulernen. 'Und um mal aus Gütersloh raus zu kommen', schmunzelt Peter Krüger. Gemeinsam mit seiner Frau richtete der 64-Jährige in der Nordstadt eine Bibliothek mit fast 1.000 Werken aller Sprachen ein. Eigens dafür bat der Rentner auch den Imam in der benachbarten Moschee um eine Bücherspende - sein allererster Besuch in einer Moschee. Der Abschied aus dem Ruhrgebiet fällt dem Paar nun nicht leicht - aber: 'Wir kommen wieder', betont die 61-jährige Barbara Krüger.

dapd