Cancún (dapd). Der Klimaexperte des Öko-Instituts in Berlin, Felix Matthes, sieht in den derzeitigen Klimaverhandlungen im mexikanischen Cancún ein 'Experiment der Klimademokratie'. Nach der Weltklimakonferenz von Kopenhagen im vergangenen Jahr seien die Verhandlungen sehr viel komplexer geworden, gab Matthes zu bedenken und äußerte zugleich Zweifel an der in Cancún angestrebten 'ausbalancierten Paketlösung' von Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel.
'Das Paket ist so groß, dass eine Balance kaum noch möglich ist', sagte der Leiter des Berliner Büros des Öko-Instituts am Donnerstag im Interview mit der Nachrichtenagentur dapd in Cancún. Zugleich äußerte er die Hoffnung, dass die von der mexikanischen Konferenzpräsidentschaft initiierten Gruppe von 50 Ministern und Delegierten, die einen Entwurf für ein Abschlussdokument aushandeln sollen, einen Kompromiss finden werde. 'Wenn die neuen Verfahren nicht funktionieren, werden wir am Freitag auch kein Ergebnis bekommen', sagte Matthes.
Am Freitag endet offiziell die 16. Klimakonferenz, bei der Vertreter aus 194 Staaten über Weichenstellungen für ein neues Klimaabkommen beraten, das nach Möglichkeit im kommenden Jahr auf der nächsten Klimakonferenz im südafrikanischen Durban beschlossen werden soll. Wichtig seien insbesondere Vereinbarungen zum internationalen Waldschutz und zur internationalen Überprüfbarkeit von Minderungszielen sowie ein Bekenntnis zu einer zweiten Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls, das Ende 2012 ausläuft, sagte Matthes.
Kritik äußerte der Klimaexperte an der Verhandlungsstrategie der Europäischen Union. 'Wenn die EU wieder zum Motor der Klimaverhandlungen sein will, muss sie zulegen', mahnte er und kritisierte insbesondere, dass die EU immer noch an dem Ziel festhalte, die Treibhausgasemissionen bis 2020 lediglich um 20 Prozent zu senken. Um Bewegung in die festgefahrenen Verhandlungen zu bringen, müssten die europäischen Staaten zumindest zusichern, im gleichen Zeitraum den Ausstoß klimaschädlicher Gase um mindestens 25 Prozent zu drosseln.
Die EU hat eine Minderung um 30 Prozent in Aussicht gestellt - allerdings nur unter der Bedingung, dass andere große Treibhausgasemittenten ähnliche Anstrengungen unternehmen. Matthes verwies jedoch darauf, dass etwa die USA wegen der innenpolitischen Konstellation derzeit gar nicht in der Lage sei, sich zu bewegen. Er forderte die Bundesregierung auf, 'innerhalb der EU mit aller Kraft für das 30-Prozent-Ziel zu kämpfen'.
Die deutschen Weichenstellungen des Energiekonzepts bezeichnete Matthes als gut. 'Über die Umsetzung kann und muss man allerdings streiten', sagte er. Solange das EU-Ziel nicht erhöht werde, werde Deutschland sein Ziel, bis 2020 40 Prozent des CO2-Ausstoßes zu reduzieren, nicht erreichen können. Grund dafür sei, dass viele Bereiche, in denen eingespart werden könnte, EU-weit geregelt seien. Um die Vorgabe dennoch zu erfüllen, müsste Deutschland in den nächsten zehn Jahren sämtliche Emissionen im Gebäudebereich einsparen. 'Da ist die Bundesregierung inkonsistent', sagte Matthes.
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