Jena (ddp-lth). Nervös wartet Eric Kehler auf seinen großen Auftritt. Gleich wird der 20-Jährige vor den rund 50 Zuhörern lesen, die in die Jenaer Café-Bar «Markt 11» gekommen sind, um das zu hören, was sie sonst nur im Internet finden können: Blogeinträge. «Mein Weblog ist als eine Art Tagebuch gedacht, in dem andere stöbern und ihre Kommentare hinterlassen können», sagt der Informatikstudent. Seit drei Jahren schreibt er aus Gotha unter smikey.de in chronologisch geordneten Beiträgen regelmäßig auf, was er macht, denkt, fühlt - und die Welt kann mitlesen. Doch erst zum zweiten Mal trägt er seine Geschichten einem Publikum vor.
Die Menschen, die sich an diesem Abend unter dem Motto «Netzliteratur: Leben im Hypertext» im Markt 11 versammelt haben, sind selbst größtenteils Blogger, Mittzwanziger, und das, was man gemeinhin als «hip» bezeichnen würde. Für einige von ihnen ist das Internet die Möglichkeit, Freunde und Bekannte über Privates auf dem Laufenden zu halten. Andere nutzen es, um sich über fachliche Dinge auszutauschen. Von Technik über Autos und Sport bis hin zu Strickmustern: Für alles findet man das richtige Blog.
Dass sich die unterschiedlichsten Netz-Nutzer nun schon zur dritten Thüringer Bloglesung treffen, haben sie unter anderem Sven Oelsner zu verdanken. Der 33-Jährige ist Mitbegründer der «Thüringer Blogzentrale», einem Treffpunkt für alle Blogger des Freistaats. In dieser Art ist sie einzigartig in Deutschland, denn nirgends sonst kann man mit einigen Klicks alle Blogger eines Bundeslands finden.
Im Oktober 2006 wurde die Blogzentrale ins Leben gerufen. «Ursprünglich sollte sie ein Gegengewicht zu den gleichgeschalteten Lokalmedien in Thüringen werden», sagt Oelsner. Er hatte gehofft, auf seiner Plattform kritische Hintergrundberichte zur lokalen Politik und Kultur versammeln zu können. Das Ergebnis sei jedoch niederschmetternd gewesen. Anstatt für Oelsners Plattform zu schreiben, widmeten sich die Hobby-Schreiber im Laufe der Zeit wieder verstärkt ihren eigenen Blogs. «Davon gibt es in Thüringen momentan etwa 120», sagt Oelsner. Doch nur bei etwa 20 davon könne man mindestens einmal pro Woche neue Einträge lesen. Der «Weblog-Hype» hat nachgelassen.
Das sah zu Beginn noch ganz anders aus. Seinen Ursprung hat die Bewegung in den USA. Dort entstand der Begriff 1997 als eine Mischung aus den Wörtern Web und Logbuch, später wurde er dann auf Blog verkürzt. «Einzelne Vorläufer gab es schon Mitte der Neunziger, endgültig durchgesetzt hat sich dieses Phänomen in Amerika aber erst im Jahr 2002», sagt der Wissenschaftler Jan-Hinrik Schmidt, der sich am Hamburger Hans-Bredow-Institut schon lange mit digitalen interaktiven Medien beschäftigt. «Gerade nach dem 11. September empfanden viele Privatpersonen die etablierten Medien als nicht kritisch genug und so entstand das Bedürfnis nach einer Gegenöffentlichkeit.»
In Deutschland tauchten Blogs erst ab 2005 vermehrt in der öffentlichen Diskussion auf. «Bloggen war hier jedoch nie so ein Massenphänomen», sagt Schmidt. Selbst zu Höchstzeiten hätten maximal zehn Prozent der Internetnutzer ein eigenes Blog betrieben. Ist man dabei sehr erfolgreich, besuchen bis zu 2000 Leser täglich die eigene Seite. In Thüringen gelingt das momentan zum Beispiel dem Blog beetlebum.de, auf dem es jede Menge niedlicher Comicfiguren mit dicken Knubbelnasen zu sehen gibt.
Im wahren Leben heißt «beetlebum» Johannes Kretzschmar und er ist einer der acht Blogger, die im Markt 11 ihre digitalen Geschichten präsentieren. Sie handeln von großen Gefühlen, den Banalitäten des Alltags oder der Weltpolitik. Genauso unterschiedlich wie die Themen ist auch die Qualität der Beiträge. Den lautesten Applaus und die meisten Lacher bekommt der Blogger «pulsiv» für seinen Text «Tolle Wurst». Gemeint ist jedoch nicht die aus der Metzgertheke, und so versprüht seine Geschichte über eine Analuntersuchung jede Menge Charlotte-Roche-Charme.
Doch den Zuschauern gefällt's, sie sind «positiv überrascht», loben den «tollen Stil» und die «guten Pointen». Ein älterer Herr, der nur zufällig im Markt 11 sitzt, ist hingegen weniger begeistert: «Die Vortragsweise ist genauso schlecht wie der Inhalt.»
Eric «Smikey» Kehler ist am Ende des Abends zufrieden, er hat seine drei Texte fehlerfrei vorgetragen und einigen Beifall bekommen. Und auch Sven Oelsner bewertet den Abend positiv: «Die Lesung ist super gelaufen», findet er. «Hier hat sich mal wieder gezeigt, dass man beim Bloggen neben Gleichgesinnten auch echte Talente entdecken kann.»
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