Kältechaos in Europa und traumhaftes Winterwetter
11.01.09 | 17:52 UhrHamburg (dpa) - Bilderbuchwetter und Schneechaos: In weiten Teilen Europas zeigte sich die Kältewelle am Wochenende von zwei Seiten.
Am Madrider Flughafen saßen zeitweise zehntausende Passagiere fest, erst am Sonntag konnten alle Start- und Landebahnen von Schnee und Eis befreit werden. Die Kanarischen Inseln erleben den kältesten Winter seit 35 Jahren. In Deutschland lockte strahlender Sonnenschein vielerorts Ausflügler auf zugefrorene Seen, Rodelhänge und Skipisten. Das ideale Wintersportwetter führte in Bayerns Skigebieten nach Angaben der Bergwacht zu vielen Unfällen. In Österreich starben mindestens zwei Wintersportler, mehrere erlitten Verletzungen.
Im französischen Chamonix am Fuße des Mont Blanc verunglückten zwei Briten beim Eisklettern tödlich. Einer von ihnen war Rob Gauntlett, der 2006 mit 19 Jahren als jüngster Brite den Mount Everest erklommen hatte.
In Österreich starb ein 13-jähriger Slowene, nachdem er auf einer Skipiste bei Bad Kleinkirchen in Kärnten mit hoher Geschwindigkeit mit seinem Freund zusammengestoßen war. Bei dem heftigen Aufprall ohne Schutzhelm brach sich der Junge nach Angaben der Nachrichtenagentur APA das Genick. Sein Freund, der ebenfalls ohne Kopfschutz fuhr, erlitt schwere Kopfverletzungen. Eine 47-jährige Frau aus Bayern rutschte bei einer Schneeschuh-Wanderung im Gemeindegebiet von St. Gilgen (Salzburg) auf einem schmalen Weg ab und stürzte über eine 100 Meter hohe Felswand in den Tod.
In Bayerns Skigebieten stieg in den vergangenen Wochen die Zahl der Unfälle. So mussten allein zwischen Weihnachten und Neujahr etwa 150 verunglückte Wintersportler operiert und weitere 500 Unfallopfer behandelt werden, sagte der Landesarzt der Bayerischen Bergwacht, Herbert Forster, der Deutschen Presse-Agentur dpa.
Im sächsischen Vogtland wurde ein Achtjähriger bei einem Liftunfall schwer verletzt. Dort war das Zugseil eines Schlepplifts aus der Führungsrolle gesprungen und hatte den Jungen mitgerissen. Der Achtjährige prallte gegen den Liftmast und erlitt eine Gehirnerschütterung. Ein Skihelm habe Schlimmeres verhindert, sagte ein Polizeisprecher.
In Neunkirchen im Saarland wurde ein 82-Jähriger in letzter Minute vor dem Erfrieren gerettet. Der verwirrte Mann hatte am frühen Sonntagmorgen nur mit Schlafanzug und Hausschuhen bekleidet sein Altenheim verlassen, wie das Deutsche Rote Kreuz mitteilte. Erst Stunden später wurde er durch den Einsatz von mehr als hundert Helfern sowie einer Rettungshundestaffel gefunden.
Beim Spazierengehen und Schlittschuhlaufen auf zugefrorenen Seen in Oberbayern brachen am Samstag innerhalb weniger Stunden 19 Menschen ins Eis ein. Wie die Polizei am Sonntag mitteilte, passierten die Unfälle am Wörth- und am Pilsensee sowie am Schliersee. Verletzt wurde niemand.
Pulverschnee und traumhaftes Wetter bescherten auch dem Harz einen Besucherandrang. «Hier herrscht ein Ansturm wie lange nicht mehr», sagte eine Sprecherin der Bocksberg-Seilbahn in Hahnenklee. In Berlin und Frankfurt/Oder wagten sich Eisbader in klirrend kalte Seen.
Probleme bereitete die Kälte dagegen den Binnenschiffern: Bis zu 75 Zentimeter dicke Eisdecken auf Main, Donau sowie dem Main-Donau- Kanal verhinderten ein Durchkommen für viele Schiffe. Trotz des Dauereinsatzes mehrerer Eisbrecher mussten Streckenabschnitte immer wieder gesperrt werden, teilte die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung mit. Am Sonntagabend sollte der Verkehr auf dem Main zwischen Viereth bei Bamberg und Aschaffenburg bis auf weiteres komplett eingestellt werden.
Bereits keine Weiterfahrt mehr gab es für Schiffe auf der Mosel zwischen Koblenz und Fankel, der Abschnitt wurde am Sonntagnachmittag gesperrt. Vor der Staustufe Koblenz habe sich eine durchgehende Eisdecke gebildet. Das Eis sei fünf bis zehn Zentimeter dick und das Öffnen und Schließen der Schleusentore kaum noch möglich, sagte ein Sprecher des Wasser- und Schifffahrtsamts Koblenz. Wann die Strecke wieder freigegeben werde, hänge vom Wetter ab.
In Ungarn erfroren allein in der vergangenen Woche mehr als zehn Menschen, weil sie für ihre Heizkosten nicht aufkommen konnten. Wegen des noch immer nicht ganz gelösten russisch-ukrainischen Gasstreits konnten in Bulgarien viele Wohnungen nur begrenzt geheizt werden. Besonders betroffen waren Gefängnisse, da sie ihre Heizung nicht auf Öl umstellen können. «Wir können die Strafgefangenen nicht einfach gehen lassen», sagte Justizministerin Miglena Tatschewa. Wegen der Kälte schlossen bereits mehr als 80 Schulen sowie Kindergärten.
Nach Ansicht des Kieler Klimaforschers Mojib Latif vom Leibniz- Institut für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) ist die Aufregung um die extreme Kälte in ganz Deutschland lediglich Folge einer verzerrten Wahrnehmung. «Wir sind inzwischen nur noch milde Winter gewohnt und wundern uns auf einmal, wenn ein so kalter Winter kommt», sagte Latif der dpa. Noch vor einigen Jahrzehnten habe es regelmäßig Temperaturen von weit unter minus 20 Grad gegeben. «Insofern ist das jetzt gar nicht rekordverdächtig», sagte Latif. Grundsätzlich werde es auf der Erde nicht kälter, sondern wärmer. Daran ändere auch ein einzelner extrem kalter Winter nichts.
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