«Wir nehmen gerade die Judenverfolgung durch», sagte die Lehrerin für das Fach Gesellschaftslehre an einer Gesamtschule. Die 14- bis 16-Jährigen drängen sich in den engen Waggons vorbei an Fotos und Briefen der Deportierten. Die rollende Holocaust-Ausstellung, die sich mit dem Beitrag der Deutschen Reichsbahn zu den NS-Massendeportationen beschäftigt, haben nach Angaben des Vereins Zug der Erinnerung innerhalb eines Monats rund 20 000 Menschen in Niedersachsen besucht.
«Die Auseinandersetzung um die Verantwortung der Bahn für die Deportationen findet sich nun auch in der Ausstellung wieder», sagte Hans-Rüdiger Minow vom Verein. Im neuen Bereich «Verdrängen und Vergessen» gehe es um den Umgang der Bahn mit dem Thema nach Kriegsende. Noch 2007 habe sich die Deutsche Bahn AG geweigert, eine ähnliche Ausstellung auf deutschen Bahnhöfen zu zeigen. Daher gründete sich der Verein Zug der Erinnerung, der die Bahngleise für die Dauer der Ausstellung anmietet. Der Verein muss der Deutschen Bahn eine Trassengebühr zahlen. In Hannover beispielsweise sind das 2000 Euro pro Tag.
Man könne sich gar nicht vorstellen, dass damals soviel Kinder umgebracht wurden, sagt die 14-jährige Leonarda. Dann fragt die Schülerin eine Freundin, ob auch sie das Foto mit dem jungen Mädchen gesehen habe.
Das Foto zeigt ein elfjähriges Kind mit kurzen Haaren. Das Mädchen wurde von den Nazis ins KZ Theresienstadt verschleppt, wo sie medizinische Versuche erleiden musste. Margot Kleinberger, heute 78 Jahre alt, hat lange über ihr Schicksal geschwiegen. «Meine sechs Kinder sollten nicht wissen, wie tief unten ihre Mutter war», sagt sie. In dem Buch »Transportnummer VIII/1 387 hat überlebt« hat Kleinberger niedergeschrieben, wie sie 1940 in Hannover als Achtjährige aus der Wohnung in ein «Judenhaus» ziehen musste, ihr Vater, «ein Deutscher durch und durch», die Verfolgung nicht wahrhaben wollte.
Im Juli 1942 wurde die Familie in einem Viehwaggon ins KZ deportiert. Dass sie überlebte, verdankt Kleinberger dem Zufall. Ein SS-Mann war mit ihrem Vater im Ersten Weltkrieg gewesen und strich die Familie von der Todesliste. Diese Ausstellung nehme den Opfern die Anonymität. «Sonst wären die Verbrechen längst aus dem Gedächtnis verschwunden», sagt Kleinberger.
Auf Erinnerung baut auch Hans-Rüdiger Minow. «In Niedersachsen zeigt die Ausstellung, dass der Transport in die Vernichtungslager auch abseits der großen Eisenbahnknotenpunkte funktioniert hat und viele Menschen entlang der Strecken davon wussten. Ohne die Reichsbahn sei der Holocaust in diesem Ausmaß nicht möglich gewesen. Ein Gutachten des Vereins beziffert die Einnahmen der Deutschen Reichsbahn aus den Transporten zwischen 1938 und 1945 auf 445 Millionen Euro. Angesicht dieser Zahlen verharrt Gitta Rangenberg vor einer Tafel im letzten Waggon. Die Lehrerin ist von dem Umgang der Bahn mit ihrer Geschichte fassungslos. Dann sagt sie: «Es geht um die Übernahme der moralischen Verantwortung.»
Nach Stationen in Oldenburg, Wilhelmshaven und Hannover verlässt der «Zug der Erinnerung» jetzt Niedersachsen und wird als nächstes durch Sachsen-Anhalt rollen.
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