Heimkinder - Demütigung im Heim: Frühere Heimkinder berichteten im Landtag über ihr Leid Gudrun Ickenroth droht immer wieder die Stimme zu versagen. Was die 54-Jährige zu berichten hat, ist erschütternd: In einem Kinderheim der Ordensgemeinschaft der Armen Dienstmägde Jesu Christie im hessischen Dernbach und später im katholischen St. Vincenzstift in Rüsselsheim-Aulhausen erlebte sie 14 Jahre lang Schläge, Gewalt und Vergewaltigung - alles im Namen Gottes.
Vergrößern Heimkinder - Demütigung im Heim | Bild: ©

«Ich wurde vom Pfarrer missbraucht, mehrfach», sagt sie mit erstickter Stimme. Es ist das erste Mal, dass Ickenroth über ihre Erlebnisse öffentlich spricht. Es fällt ihr schwer, so wie den anderen acht Betroffenen, die am Donnerstag bei einer Anhörung im Wiesbadener Landtag ihre Schicksale schildern.

Rund 500 000 Kinder und Jugendliche waren Expertenschätzungen zufolge in den 50er und 60er Jahre in Heimen in der Bundesrepublik untergebracht. Was die Mehrheit von ihnen berichtet, ist für heutige Verhältnisse unfassbar: «Ich habe Dunkelhaft und Demütigungen erlebt, nachts musste ich bis zu sechs Stunden im Nachthemd im zugigen Hausflur stehen, ich wurde sexuell missbraucht und immer wieder geschlagen», sagt Norbert Büchner, der 18 Jahre in Kinderheimen verbrachte. In seiner Akte stand, er sei «von klein auf schwachsinnig», er galt als schwer erziehbar.

Auf den Aufruf des Landtags hätten sich bislang 50 Menschen gemeldet und von ihren Erfahrungen berichtet, sagt der Vorsitzende des Sozialausschusses, Andreas Jürgens (Grüne). Die große Mehrheit berichte von Gewalt, systematischen Demütigungen und Schikanen. Die Folgen belasteten die Betroffenen meist ihr ganzes Leben lang, viele hätten gebrochene Lebensläufe, landeten im Knast oder litten ihr Leben lang unter Angstzuständen und Bindungsangst.

Ziel der Anhörung sei deshalb auch zu überlegen, was in Hessen getan werden könne, um den Betroffenen spät, aber dennoch ein wenig Genugtuung und Anerkennung zu verschaffen. Der Ausschuss wolle dem Landtag nun einen Vorschlag unterbreiten, wie weiter mit dem Thema verfahren werden solle. Konsequenzen könnten die Einrichtung eines Runden Tisches und einer eigenen Anlaufstelle in Hessen sein, auch könne man sich um die Sicherung der Akten kümmern. »Wir werden an dem Thema weiter dran bleiben«, verspricht Jürgens.

Die Leiter mehrerer hessischer Jugendämter entschuldigten sich bei den Betroffenen und mahnten eindringlich, eine geschlossene Unterbringung von Kindern und Jugendlichen dürfe es nie wieder geben. Auch die Jugendamtsmitarbeiter seien ein Teil des »Systems struktureller Gewalt« gewesen, sagt der Leiter des Gießener Jugendamtes, Andreas Prinz. Die Jugendämter dürften sich nie wieder für politische Aufgaben und oder gar Justizaufgaben funktionalisieren lassen. Auch Vertreter vom Landeswohlfahrtsverband, von Caritas und Diakonischem Werk entschuldigten sich und boten den Betroffenen an, bei der Aufarbeitung zu helfen.

Am 10. November wird es zudem eine Tagung zu dem Thema im ehemaligen Kinderheim Kalmenhof in Idstein geben. Betroffene berichteten, dass auf dem Gelände des Aulhausener Vinzenzstiftes ein Gebäude ausgerechnet nach jenem Pfarrer benannt worden sei, der Gudrun Ickenroth und andere vergewaltigt habe. «Wir werden das prüfen, im Kuratorium beraten und gegebenenfalls den Namen des Hauses ändern», verspricht der Vertreter des Stiftes, Caspar Söling.

Vielleicht hilft das Gudrun Ickenroth ein wenig weiter. «Mein Leben ist kaputt', sagt sie. Rache wolle sie nicht, sondern Versöhnung, aber vor allem eines: Dass man ihr zuhört und ihr Leiden ernst nimmt. «Wenn ich es erzähle, kann ich vielleicht neu beginnen», sagt sie.

Wiesbaden (ddp-hes)