Chemnitz (dapd-lsc). Die Gerüste sind weg: Seit Freitag ist die sanierte Fassade des ehemaligen Kaufhauses Schocken und künftigen Hauses der Archäologie für alle Chemnitzer zu sehen. Mit dem horizontalen Wechsel von durchgehenden Fensterbändern und dem sandsteinfarbenen Kalkstein Travertin schrieb der Architekt Erich Mendelsohn 1930 Architekturgeschichte - das Gebäude in Chemnitz gilt als eines der bedeutendsten Bauwerke der Klassischen Moderne in Europa.
Mendelsohn spielte mit dem Hell-Dunkel-Kontrast der Fassade: Bei Tage hob sich der Travertin von den Fensterreihen ab, nachts kehrte sich der Effekt durch hinterleuchtete Fenster um. Genau so soll auch das neue Sächsische Landesmuseum für Archäologie und Geschichte die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Doch bis es so weit ist, werden noch knapp zwei Jahre ins Land gehen. 'Die Eröffnung ist für September 2013 vorgesehen', sagt Cornelia Rupp, Sprecherin des Landesamtes für Archäologie, am Freitag in Chemnitz beim Abbau der Gerüste.
Die neuen Fassadenplatten wurden in demselben Steinbruch in Kelheim an der Donau gebrochen wie die Originale. In den etwa 56 Meter langen durchgehenden Fensterbändern wurde das zu DDR-Zeiten eingesetzte kupferbedampfte Glas durch Wärmeschutzglas ersetzt. Dahinter ist jetzt der Innenausbau im vollen Gang.
Wenn es bei dem genannten Eröffnungstermin bleibt, wäre dies der Abschluss eines rund zehn Jahre dauernden Projekts. Denn Hoffnungen auf ein Landesmuseum in Chemnitz weckte der damalige Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) schon Anfang 2003. Drei Jahre später folgte ein Kabinettsbeschluss, danach gab es Querelen um das Konzept und den Mietvertrag, sodass sich die angekündigte Eröffnung immer weiter hinausschob. Dies scheint nun ausgestanden zu sein. Rupp geht davon aus, dass zwei Jahre für die Baufertigstellung und die Museumsgestaltung ausreichen. Auch das Konzept sei nun endgültig. 'Wir wissen, wo jede einzelne Vitrine steht', sagt sie.
Demnach widmet sich die Ausstellung im ersten Obergeschoss der frühen Menschheitsgeschichte und ersten Besiedlungsspuren in Sachsen, die bei Markkleeberg nachgewiesen wurden. Die Schau im zweiten Obergeschoss schlägt den Bogen von der Jungsteinzeit bis zur Karolingerzeit im neunten Jahrhundert, als die Menschen sesshaft wurden. Eine Etage weiter oben wird Sachsens Geschichte vom Mittelalter bis zur industriellen Revolution dokumentiert. Weitere Flächen benötigt das Museum im Erdgeschoss für Eingangsbereich und Shop sowie im vierten Obergeschoss für Sonderausstellungen.
Insgesamt verfügt das 'Schocken' über 11.000 Quadratmeter Fläche. Davon werden 8.000 Quadratmeter an den Freistaat vermietet. 'Fürs Erdgeschoss suchen wir gerade eine zum Gesamtkonzept des Hauses passende Gastronomie', sagte Erik Escher vom Gebäudeeigentümer Grundstücks- und Gebäudewirtschaftsgesellschaft mbH. Die drei obersten Etagen seien für Büros vorgesehen. Damit sind auch Wünsche mancher Chemnitzer nach einem Panoramacafé oder gar attraktiven Wohnungen in der Innenstadt vom Tisch.
Während mit dem Schaufenstereinbau in der kommenden Woche die Straßenseite nahezu ihr ursprüngliches Aussehen zurückerhält, sind im Inneren größere Eingriffe in die historische Substanz notwendig. Noch kann Architekt Ulf Knerer diese nur beschreiben, eine Besichtigung verbietet der Bauherr aus Sicherheitsgründen. So gebe es einen Deckendurchbruch über vier Etagen. Er erlaube den Blick von oben auf ein riesiges, dreidimensionales Modell des Freistaates, den sogenannten Sachsentisch.
Weiterhin werde eines der Treppenhäuser für Rampen geopfert, und zur Belichtung der Büros werde ein Lichthof in die Obergeschosse gebrochen, erläutert Knerer. Die Statik des mehr als 80 Jahre alten Hauses werde dadurch nicht beeinträchtigt. 'Zu seiner Entstehungszeit war es bautechnisch ein sehr modernes Gebäude', betont der Architekt.
Von außen nicht erkennbar, schob Mendelsohn die Fassade von den inneren Stützen mittels Kragarmen um 3,50 Meter nach außen. Auch diesen Erker-Effekt nutzen nun die neuen Mieter. In dem breiten Gang zwischen Fensterfront und innen liegenden Museumsräumen werden drei Sonderausstellungsbereiche eingerichtet. Sie widmen sich der jüdischen Geschichte in Chemnitz im Allgemeinen und dem Architekten Erich Mendelsohn und dem Kaufhauseigentümer Salman Schocken im Besonderen, zwei Juden, die die Geschichte der Stadt geprägt haben.
dapd


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