Wer bei Teistungen aus der DDR fliehen wollte, der hatte kaum eine Chance. Meterhohe Stacheldrahtzäune, bissige Hunde, Selbstschussanlagen und schwerbewaffnete Patrouillen - elf Menschen mussten ihre Flucht hier mit dem Tod bezahlen. Anhand zahlreicher Originalschauplätze berichtet das am Freitag wieder eröffnete Grenzlandmuseum Eichsfeld bei Teistungen über Einzelschicksale, penible Grenzkontrollen und das vielfach eingeschränkte Leben entlang der innerdeutschen Grenze zwischen Thüringen und Niedersachen.
Teistungens Bürgermeister Horst Dornieden stapft die Holztreppe zum Wachturm hinauf. «Von hier oben hatten die Grenzbeamten einen Blick über den gesamten Grenzübergang», sagt er. Das Treppengeländer ist rosa, auf dem Boden klebt wie zu DDR-Zeiten PVC-Belag mit Blümchenmuster. Oben schallen aus einer Box kurz gehaltene Funkgespräche zwischen West- und Ostbeamten. Alle Nachrichten- und Signalverbindungen liefen hier zusammen. «Im Ernstfall wurde von hier der Notschalter bedient.»
Am 21. Juni 1973 springt die Ampel am neuen Grenzübergang Duderstadt/Worbis erstmals auf grün. Bis 1989 passierten fast sechs Millionen Menschen den Übergang. Während viele Wagen, wie der zur Schau gestellte VW Käfer, in der Zollgarage aufgebockt und von vorne bis hinten auf Schmuggelware untersucht wurden, drängelten sich Reisende durch das Zollgebäude, heute Hauptteil des Museums.
«Alle Besucher aus dem Westen mussten hier durch», schildert Dornieden und zeigt auf die braun gestrichenen Schleusen mit Schalterbereich, Telefon und Polsterstuhl. «Mit Maßband überprüften die Kontrolleure die Körpergröße, die in den Papieren stand.» Wenn ein Detail nicht stimmte, wurden Personen schon mal über Stunden oder Tage in Haftzellen im Keller eingesperrt.
«Der Grenzausbau wurde schrittweise perfektioniert», sagt Dornieden - von weiß-roten Schlagbäumen am Anfang bis hin zu einem «Grenzbollwerk» mit grausamen Selbstschussanlagen als Endpunkt der Grenzsicherungsversuche. Wie vielen Menschen der Fluchtversuch gelang, ist nicht bekannt.
An vielen Stellen erzählen Zeitzeugen in Hörstücken ihre persönlichen Geschichten. Die Waffenkammer mit Kalaschnikows, der Nachrichtenraum als Schaltstelle nach Berlin, Landkarten und Fotos machen die Ausstellung lebendig. Entlang des vier Kilometer langen Grenz-Wanderweges blickt man auf den Signalzaun, sieht die alte Grenzsäule oder entdeckt ein früheres Abhörversteck.
«Eichsfeld ist ein Synonym für eine geteilte Region», sagt Paul Schneegans, Geschäftsführer des Museums, der nach wie vor im niedersächsischen Duderstadt lebt. Im Jahr 1952 riegelt sich die DDR ab, eine fünf Kilometer breite Sperrzone wird errichtet, die Region Eichsfeld wird auf Jahrzehnte getrennt. Insgesamt 15 000 Menschen werden in Aktionen wie «Ungeziefer» oder «Kornblume» zwangsausgesiedelt.
«Die Eltern meiner Frau durften ihren Heimatort nicht mehr besuchen», sagt Schneegans. Auch er sah seine Verwandten jenseits der Grenze nur noch selten. Das Prozedere am Grenzübergang empfand er als «unangenehm».
Seit Museumseröffnung vor 15 Jahren kamen 850 000 Besucher nach Teistungen. Für die Neukonzeption stellten Bund, Niedersachsen und Thüringen insgesamt 2,7 Millionen bereit.
Heute fragt Bürgermeister Dornieden gerne junge Besuchergruppen, was sie über dieses Kapitel Deutscher Geschichte wüssten. Sprüche wie «Nur kurz drüber geredet» oder «Uns fehlte die Zeit» sind meistens die Antwort. «Die Deutsche Teilung braucht mehr Beachtung», meint deshalb Dornieden. «Wir müssen die heranwachsende Generation umfangreicher informieren.»
ddp


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