Gotha (dapd-lth). Mit sichtlicher Kraftanstrengung nimmt er einen der mächtigen Wälzer heraus und blättert vorsichtig in den vergilbten Seiten. In insgesamt 420 Bänden ist hier eine aus heutiger Sicht vielleicht etwas makaber erscheinende Modeerscheinung der Frühen Neuzeit festgehalten: Die Leichenpredigt.
'Mit fast 10.000 Einzeldrucken verfügt die Forschungsbibliothek Gotha über eine der größten Sammlungen dieser Art in ganz Deutschland', sagt Runschke, der als Abteilungsleiter im Bereich Drucke arbeitet. Vom 16. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Abdrucke von Grabpredigten ein wichtiger Teil der protestantischen Beerdigungszeremonien. Vor allem im 17. Jahrhundert waren die Schriften groß in Mode. Wer es sich leisten konnte, legte sogar eigene Sammlungen an, die dann vermutlich zu Lehr- und Erbauungszwecken gelesen wurden, wie Runschke sagt.
Generell seien die Beisetzungszeremonien dieser Zeit nicht mit den heutigen vergleichbar. 'Besonders bei höhergestellten Persönlichkeiten konnte eine Beerdigung leicht den ganzen Tag dauern', sagt Runschke. Schon die Anreise der Trauergäste sei meist eine längere Angelegenheit gewesen. Die Feier selbst begann mit der Messe in der prächtig geschmückten Kirche, danach ging der Leichenzug mit großem Gefolge auf den Friedhof, wo die Leichenpredigten, Gedichte und Lebensläufe der Verstorbenen verlesen und Lieder gesungen wurden. All diese Reden wurden später in den Drucken festgehalten. Mitunter schickten auch Freunde oder Bekannte des Toten zusätzlich von deren Priestern verfasste Leichenpredigten, um den Verstorbenen zu würdigen und sich im Gedächtnis zu halten.
Mit der Aufklärung ließ dieser Trend langsam nach. Im 19. Jahrhundert wurden die Predigten eher belächelt und gerieten weitgehend in Vergessenheit. Erst im 20. Jahrhundert entdeckte die Wissenschaft diese Texte schließlich als wichtige Informationsquellen wieder. 'Vor allem zeigen die Themen, was die Leute damals beschäftigt hat', erläutert Runschke das wissenschaftliche Interesse. 'Natürlich war bei den Texten viel Schönfärberei dabei, es gibt aber dennoch viele aufschlussreiche Begebenheiten. Außerdem ist es oft die einzige Quelle für Lebensläufe weniger bekannter Menschen.'
So musste beispielsweise Kritik an Verstorbenen mit viel Fingerspitzengefühl verpackt werden, wie bei einem Waltershausener Bürgermeister aus dem 17. Jahrhundert. Zwar war der Pfarrer bei der Beisetzung voll des Lobes für den Verstorbenen, hatte dieser seine Arbeit doch mit viel Engagement erledigt. 'Weil er aus einem niederen Stand kam, wurde er aber von den Honoratioren der Stadt wohl schlicht nicht für voll genommen. Er konnte sich einfach nicht durchsetzen', sagt Runschke. Dieses spannende Verhältnis spiegelt sich auch in der Predigt wieder.
Kopfzerbrechen verursachten den Geistlichen hingegen Beerdigungen tot geborener Kinder. 'Da waren schon einige rhetorische Klimmzüge nötig, um eine vernünftige Predigt zu schreiben', sagt Runschke. Ähnlich war es bei Frauen: 'Am Ende waren es meist die Lebensläufe der Männer, die aufgeschrieben wurden.'
Um Forschern den Zugang zu den Schriften zu erleichtern, werden die Drucke in Gotha seit einigen Jahren digitalisiert. Rund 2.000 Leichenpredigten und andere 'Gelegenheitsschriften' wurden bislang eingescannt, 1.000 davon sind bereits über die Homepage der Forschungsbibliothek einsehbar. Bis 2016 sollen 5.000 Drucke in digitaler Form vorliegen.
Trotzdem werden die meisten Forscher für ihre Studien um den Weg nach Gotha nicht herumkommen: Insgesamt geht die Zahl der 'Gelegenheitsschriften' an der Gothaer Bibliothek in die Zehntausende. Ein Großprojekt, das die drei Digitalisierungsspezialisten der Bibliothek wohl noch Jahre beschäftigen wird.
(http://url.dapd.de/c2H5o2)
dapd


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