Gibt es Geschmack in der Kunst?: Johan Holten hat sich zu seinem Antritt als Direktor der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden viele Gedanken gemacht. Gedanken grundsätzlicher Art: 'Was ist im 21. Jahrhundert die Rolle einer Staatlichen Kunsthalle?', fragt Holten.
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Baden-Baden (dapd-bwb). Und versucht in seiner ersten Ausstellung am neuen Haus, diese Rolle neu zu definieren, indem er sich mit der traditionellen Funktion Staatlicher Kunsthallen als Einrichtungen für die Bildung eines guten Geschmacks auseinandersetzt.

In der Ausstellung 'Geschmack - der gute, der schlechte und der wirklich teure' schlägt Holten vom 9. Juli bis 9. Oktober einen Bogen von der Landschaftsmalerei um 1800 zu moderner und zeitgenössischer Kunst. Die Auswahl der Arbeiten von 14 zeitgenössischen Künstlern und 11 alten Meistern kreist um die Frage: Gibt es überhaupt guten oder schlechten Geschmack?

Der 1976 in Dänemark geborene Kunsthallen-Direktor, der zuvor den Heidelberger Kunstverein leitete, hat dazu seine eigene Theorie. 'Heute entscheidet nur noch der teure Geschmack', sagt er. Wie zum Beweis hängt an der Wand eine Serie von Prada-T-Shirts. Das Pariser Designerbüro M/M entwarf diese spezielle Serie. 'Wenn Sie genau hinschauen, sehen Sie innerhalb des Designs Zitate aus marktliberalen Texten italienischer Zeitungen. Aber diese versteckte Kritik am Konsum hat die Vermarktung der T-Shirts nicht beeinträchtigt', erzählt Holten.

Ist teure Kunst auch gute Kunst? Und wessen Geschmack entscheidet darüber? 'Es kann nicht die Frage sein, was mein persönlicher Geschmack ist', sagt Holten. Er hat das kitschig wirkende, lilafarbene Fohlen von Anselm Reyle nicht ausgewählt, um daran den Geschmack des Publikums zu schulen. 'Reyle hat den Gegensatz zwischen der extrem aufwendigen Produktion des Bildes und der Banalität des Motivs auf die Spitze getrieben', erklärt der Kunsthallen-Direktor. Reyles Bilder sind teure Sammlerstücke.

Um 1800 scheint alles viel eindeutiger gewesen zu sein. Holten hat mit Leihgaben der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe einen Raum mit klassischer Landschaftsmalerei zusammengestellt. 'In dieser Zeit wurden die ersten öffentlichen Museen gegründet. Kunst war nicht mehr Privatangelegenheit der Fürsten, sondern sollte bei den Bürgern einen guten Geschmack herausbilden. Durch Ästhetik sollte der Mensch besser werden', sagt Holten.

Diesen idealistischen Anspruch dokumentiert die Ausstellung auch in jüngeren Werken. Der dänische Künstler Poul Gernes war überzeugt davon, dass Kunst eine heilende Wirkung habe. In den 60er und 70er Jahren schmückten seine eleganten floralen Wanddekorationen Krankenhäuser, Schulen und Gefängnisse. Zwei typische Gernes-Entwürfe zieren die Ausstellung der Baden-Badener Kunsthalle.

Der schlechte Geschmack ist ebenfalls präsent. Eine Auswahl aus der Luxury-Serie des britischen Fotografen Martin Parr zeigt nur allzu deutlich, dass Geschmack keine Frage des Geldes ist. Parrs Schnappschüsse entlarven den schlechten, aber teuren Geschmack der Schönen und Reichen von München bis Moskau. Schmuck und Pelz können offenbar nicht üppig genug sein.

Mode gilt zwar nicht unbedingt als Kunstform, ist aber das Mittel der Wahl für fast alle Menschen, sich und ihren Geschmack darzustellen. John Bock, der Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe ist, nahm 2009 die abgehobene Welt der Haute Couture in einer Performance mit völlig abstrusen Entwürfen auf die Schippe. Holten freut sich, alle 53 Entwürfe als Teil der Ausstellung präsentieren zu können.

Am entlarvendsten wirkt ein Beitrag von Josephine Meckseper. Sie hat Hammer und Sichel, die Symbole des konsumfeindlichen Kommunismus, verchromt und auf einem Spiegelpodest arrangiert, als handle es sich um hochwertige Schmuckstücke. Der Exkurs durch verschiedene Epochen, Stile und Genres in der Ausstellung richtet sich nicht nur an das Bildungsbürgertum. 'Ich sehe die Kunsthalle Baden-Baden in einer überregionalen Funktion. Und ich möchte auch das jüngere Publikum ansprechen', sagt der neue Direktor.

dapd