Berlin (dapd). Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) erinnerte in der traditionellen Gedenkveranstaltung im Bundestag an die Verantwortung Deutschlands. Mit Zoni Weisz sprach erstmals ein Vertreter der Sinti und Roma in der Veranstaltung im Parlament. Er beklagte, der Völkermord an den Sinti und Roma sei ein 'vergessener Holocaust'.
1996 hatte der damalige Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum 'Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus' erklärt. Seitdem findet alljährlich im Bundestag eine Gedenkstunde mit Zeitzeugen als Gastrednern statt. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundesratspräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, nahmen an der Veranstaltung teil.
Lammert räumte in seiner Rede ein, dass die Ermordung einer halben Million Sinti und Roma lange Zeit 'außerhalb des öffentlichen Bewusstseins' geblieben sei. Auch heute noch fühlten sich viele Sinti und Roma diskriminiert und stigmatisiert, 'auch in Deutschland'. Studien zeigten, dass sie beim Zugang zur Bildung und dem Gesundheitssystem benachteiligt würden und zudem weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten. Den Auftritt von Weisz wertete er als 'Zeichen der Versöhnung'.
Weisz selbst forderte eindringlich mehr Rechte für seine Volksgruppe. 'Es kann und darf nicht sein, dass ein Volk, das durch die Jahrhunderte hindurch diskriminiert und verfolgt worden ist, heute - im 21. Jahrhundert - immer noch ausgeschlossen und jeder ehrlichen Chance auf eine bessere Zukunft beraubt wird', sagte er. Diskriminierung, Stigmatisierung und Ausgrenzung seien an der Tagesordnung. Die Gesellschaft habe nichts aus den Verbrechen der Nationalsozialisten gelernt, 'sonst würde sie heute verantwortungsvoller mit uns umgehen', sagte er.
'Menschenunwürdig' sei es, wie die Sinti und Roma noch immer behandelt würden, insbesondere in vielen osteuropäischen Ländern wie etwa Rumänien und Bulgarien. Ähnliches gelte auch für Frankreich und Italien. Und mit Blick auf Schilder mit der Aufschrift 'Für Zigeuner verboten' in Ungarn mahnte er: 'Die Geschichte wiederholt sich.'
Abgeordnete des Bundestags äußerten sich nach der Rede von Weisz bewegt. 'Sinti und Roma waren nach den Juden eine der am schlimmsten von der gnadenlosen Ausrottungsmaschinerie der Nazis betroffenen Gruppen', erklärten die Fraktionschefs der Grünen, Renate Künast und Jürgen Trittin. Es sei daher 'besonders beschämend, dass sie auch heute noch ständig Opfer von Diskriminierung und Rassismus sind'.
Der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Patrick Meinhardt, sagte, die Rede gehöre in jedes Klassenzimmer und in jeden Geschichts- und Politikunterricht. 'Bildung heißt, sich zu erinnern und so jungen Menschen über menschenverachtenden Extremismus aufzuklären.'
Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) plädierte für eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung des Holocaust. Worte allein reichten nicht aus, um das unermessliche Leid der Opfer und den Schmerz der Hinterbliebenen zu beschreiben, sagte de Maizière und fügte hinzu: 'Der Holocaust ist nach wie vor schwer in Worte zu fassen.' Eine umfassende wissenschaftliche Erforschung sei daher von zentraler Bedeutung.
Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, warb für mehr aktiven Anschauungsunterricht, insbesondere für junge Menschen. 'Wir brauchen in Deutschland keine Holocaust-Museen, wir haben die Konzentrationslager vor Ort', sagte Graumann und fügte hinzu, er sei überzeugt, 'wer als junger Mensch ein KZ besucht, ist ein leben lang immunisiert gegen das Gift von Rassismus und Menschenfeindlichkeit'. In diesem Zusammenhang bekräftigte er seine Forderung nach einem neuen Anlauf für ein NPD-Verbotsverfahren. Auch der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) erhob diese Forderung.
Auch in den Landtagen wurde der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gedacht. In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen, wo die rechtsextreme NPD im Landtag sitzt, blieben deren Mitglieder der Gedenkstunde fern.
dapd


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