Kassel (dapd-hes). Das Online-Konzept soll im Sommer auch in Brasilien starten.
Der Betroffene Wjatscheslaw ist in Hamburg in eine Online-Plattform eingeloggt - ähnlich wie bei einer Telefonkonferenz ist der 31-Jährige mit dem Therapeuten Julian Trantel und drei anderen Leidensgenossen verbunden. Die Gruppe aus Deutschland ist die erste, die mit der Therapieform arbeitet. Summend hält Wjatscheslaw seine Stimmbänder in Schwingung. Gleichmäßig atmet er aus. Jedes Wort setzt er bedächtig sanft an und zieht die Silben in die Länge. Ein Hessen am Anfang verschmilzt kaum hörbar mit dem folgenden Vokal, W wird zu U-E. 'Ich habe in der Auto-u-e-erkstatt an-ge-ru-fen', wendet er die Sprachübung an.
'Als ich drei Jahre alt war, hat mich ein Hund angefallen, danach habe ich kaum noch ein Wort flüssig heraus gebracht', erzählt Wjatscheslaw. Die Attacke war Auslöser, aber nicht Ursache. 'Stottern ist genetisch bedingt', sagt Experte von Gudenberg. Die Wissenschaft gehe heute davon aus, dass ein Defekt im Sprachzentrum des Gehirns zu der Störung führt. 'Es wird nie ganz weggehen. Der Stotterer kann aber Techniken lernen, um das Blockieren des Redeflusses zu durchbrechen.'
Die Methode, mit der das Kasseler Institut therapiert, stammt aus den USA. 'Als selbst Betroffener habe ich zahlreiche unterschiedliche Konzepte ausprobiert. Ich bin ein Therapie-Odysseus', sagt von Gudenberg. In den 90er Jahren habe er das sogenannte 'Fluency Shaping' kennengelernt, das es dem Stotterer mit einem weichen Sprechansatz ermöglicht, im Redefluss zu bleiben. Ein Team von 15 Therapeuten lehrt in Kassel diese Technik. Viele sind wie von Gudenberg ehemalige Stotterer.
Mit dem neuen Online-Konzept will das Kasseler Institut auch in bisher therapeutisch vernachlässigten Regionen einen Beitrag leisten. 'Als erstes in Brasilien. Bis Mitte 2012 sollen dort ebenfalls Patienten von unserer Methode profitieren', sagt der Institutsleiter und ergänzt: 'Wir hoffen, in einem Flächenstaat mit weiten Entfernungen zu einem möglichen Therapieort trotzdem effizient behandeln zu können.'
Mit 163.000 Euro fördern das Land Hessen und die EU das Entwicklungsprojekt. Im Dezember hat von Gudenberg einen Kooperationsvertrag mit einer Klinik in Sao Paulo geschlossen, eine Mitarbeiterin aus Kassel ist bereits vor Ort und erstellt eine Machbarkeitsstudie.
'Es gibt eine hohe Rückfallquote', betont von Gudenberg. 'Viele sprechen nach einem Präsenzkurs super. Kurze Zeit später fangen sie wieder an zu stottern.' Um das zu vermeiden, müssten die Betroffenen trainieren. 'Und eben das machen wir jetzt via Internet.' Therapeuten geben Hilfestellungen, bei Übungen müssen die Patienten das Gelernte anschließend autark anwenden: 'Ruf im Kino an und reserviere einen Platz' oder 'gehe beim Bäcker Brötchen kaufen', lauten die Aufgaben.
Er habe schon andere Therapien ausprobiert - ohne Erfolg, sagt Wjatscheslaw. Kaum zurück im Alltagsstress sei alles wieder wie vorher gewesen: 'Nicht einmal drei Tage, dann habe ich wieder gestottert', klagt der 31-Jährige. Diesmal sei er jedoch zuversichtlich: 'Durch die Online-Betreuung bleibe ich am Ball. Statt einem Rückfall mache ich weitere Fortschritte.'
Bevor es das Online-Angebot gab, hat die Nachsorge bei der Kasseler Stottertherapie in weiteren zeitintensiven Präsenzkursen stattgefunden. Die Telemedizin biete jedoch einen entscheidenden Vorteil: 'Sie zwingt zu sehr disziplinierter Sprechweise, damit die anderen Teilnehmer überhaupt etwas verstehen', sagt der leitende Arzt von Gudenberg. Außerdem spare diese Therapieform Zeit und Kosten.
dapd


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