Winnenden (ddp). Es ist still in der Innenstadt von Winnenden an diesem Samstagmorgen. Die Straßen sind für den Verkehr gesperrt, fast alle Geschäfte haben ihre Türen verriegelt. «Trauertag - Samstag geschlossen» steht dort auf schwarz umrandeten Zetteln, daneben ein Papier mit der Aufschrift «Wir fühlen mit». Ganz Winnenden trägt an diesem Tag Schwarz, um der 15 Opfer des Amokläufers Tim K. zu gedenken. Selbst in den Bäumen hängen überall Trauerbänder. Es sind Schüler, die sich - sehr bewusst - nicht ganz an die Norm halten. Sie tragen schwarze T-Shirts mit der Aufschrift «Ich habe einen Traum» - in Grün, der Farbe der Hoffnung.
Mit rund 30 000 Trauergästen hatte die Stadt am Tag der zentralen Trauerfeier gerechnet. Es sind weitaus weniger, die zum Sportstadion pilgern, wo in unmittelbarerer Nähe zum Tatort auf Videoleinwänden die zentrale Trauerfeier aus der St. Borromäus Kirche übertragen wird. Rund 8000 Teilnehmer an Trauerveranstaltungen in der ganzen Stadt zählt die Polizei letztlich. Anders als erwartet sind nur wenige von außerhalb angereist, etwa aus Gerlingen bei Stuttgart. Die Frau, die von dort kommt, kennt hier in Winnenden niemanden, will aber ihre Anteilnahme zeigen. «Als das passiert ist, habe ich gedacht, das kann nicht wahr sein», sagt sie.
Durch die sonst so belebte Fußgängerzone ziehen Menschen in kleinen Gruppen zum Stadion. Sie sprechen leise miteinander oder gar nicht, als sie an dem Meer von «ewigen Lichtern», Blumen und Teddybären an der Albertville-Realschule vorbeiziehen. Rund 25 Trauerkränze sind dort am Samstag ebenfalls aufgereiht - auch welche vom Bundespräsidenten und der Kanzlerin. Zwei Rentner diskutieren darüber, was nun mit dem Gebäude passieren soll. «Eine Gedenkstätte, habe ich gehört», sagt der eine. Sein Begleiter würde lieber alles frisch streichen und die Schüler wieder einziehen lassen.
Am Trauertag zehn Tage nach der Bluttat ist Winnenden der «sicherste Ort Deutschlands», heißt es aus Regierungskreisen. Tausende Polizisten, darunter auch SEK-Beamte, sind vorsorglich anwesend - nicht sichtbar, sondern verteilt auf zahlreiche Häuser. Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel fliegen mit Hubschraubern ein. Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Bundestags-Vizepräsidentin Petra Pau und Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn sind angereist. Kuhn spricht von einem «extrem traurigen Tag».
Nicht nur in Winnenden läuten schließlich um kurz vor 11.00 Uhr die Glocken, sondern in ganz Württemberg, bevor die Trauerfeier beginnt. Rund 700 geladene Gäste, darunter 250 enge Angehörige der Opfer, finden sich in dem kargen Kirchenbau aus der Nachkriegszeit ein. Bischof Gebhard Fürst eröffnet den Gottesdienst mit einem liturgischen Gruß: «In unserer Not, in unserer Hilflosigkeit, in unserem ganzen Kummer haben wir uns in dieser Stunde versammelt.» Als die Namen der Opfer verlesen und jeweils zwei Schüler Kerzen für die Toten entzünden, herrscht beklommene Stille. 15 Minuten dauert die Zeremonie. Es sind so viele Opfer, dass die Kerzen in mehreren Reihen auf dem Altar angeordnet werden müssen.
Beim Staatsakt nach dem Gottesdienst verliest ein hörbar ergriffener Bundespräsident nochmals alle Namen. Und mit den Worten «Nichts ist mehr wie es war» bringt Köhler die von Entsetzen und Fassungslosigkeit geprägte Stimmung in den betroffenen Familien auf den Punkt. «Ganz Deutschland trauert mit Ihnen», sagt er. Viele der Anwesenden weinen leise. Auch Köhler wischt sich irgendwann eine Träne aus dem Augenwinkel.
Es sind die Schüler der Albertville-Realschule, die in ihrer Trauer auch einen Weg in die Zukunft weisen. «Ich habe einen Traum» -Titel einer berühmten Rede von Martin Luther King - ist ihre Form, mit dem Erlebten umzugehen. Auf kleinen Tischen baren sie selbst gemachte Objekte auf, die für Werte und Träume wie Liebe, Hoffnung und Freundschaft stehen. In einer ersten Zeremonie werden die Symbole von schwarzen Tüchern umhüllt. Auf dieses Zeichen des Erinnerns folgt im zweiten Schritt ein Zeichen der Hoffnung: Die Schüler bedecken das Schwarz mit bunten Tüchern.
Alle Trauernden stehen schließlich auf und reichen sich die Hände. Es scheint, als wolle man Tim K., der mit seiner Waffe übermächtig war, nicht auch noch die Macht über diejenigen überlassen, die überlebt haben. Acht Träume stellt die Direktorin der Albertville-Realschule, Astrid Hahn, vor, bevor ihre Schüler sie in ihre Mitte nehmen. Einer davon ist, dass alle, die nur noch die Dunkelheit wahrnehmen, irgendwann «wieder Licht spüren». Es scheint die Sonne durch die Kirchenfenster auf die Trauernden, als die Schulleiterin das sagt.
ddp/two/han

Forum
Facebook
Twitter






















