Strausberg (ddp-lbg). Mit seiner neuen politischen Heimat setzt Jens Knoblich die meisten seiner Bekannten und Arbeitskollegen in Erstaunen. Denn der Familienvater aus dem Strausberger Ortsteil Hohenstein ist seit Ende Januar Mitglied der Piratenpartei. «Bis Ende vergangenen Jahres hatte ich von der Partei selbst noch nichts gehört», sagt der Bundeswehr-Beamte, der im Internet erstmals auf die Gruppierung gestoßen war.

«Mit den Zielen kann ich mich identifizieren», sagt der Computerspezialist. Die Piratenpartei sehe den Datenschutz und den Schutz des Bürgers vor der zunehmenden Überwachung durch den Staat als wichtiges Anliegen. Und damit kennt sich der Fachmann für Systemadministration eigenen Angaben nach bestens aus. Trotzdem ist er immer noch erstaunt, welche Resonanz sein Parteieintritt hervorgerufen hat. Immerhin hat es die in Deutschland noch recht junge Vereinigung durch ihn geschafft, ganz ohne Wahlen in das erste Stadtparlament einzuziehen.

Dabei hatte Knoblich mit Politik «nie viel am Hut». Als er vor einem Jahr in seinem Dorf angesprochen worden war, ob er Nachfolger des Ortsvorstehers werden wolle, ging es dem damals noch parteilosen 39-Jährigen bei seiner Entscheidung in erster Linie um ein Ehrenamt, «das keiner so gerne macht». Fünf Jahre zuvor mit der Familie aus Strausberg nach Hohenstein gezogen, sah sich der Vater zweier Töchter nun in der Pflicht, etwas für das rund 500 Einwohner zählende Dorf zu tun. Beispielsweise will er den verwaisten Jugendclub reaktivieren. Schnell wurde ihm klar, «dass man als kleiner Ortsvorsteher kaum Einfluss auf die Kommunalpolitik hat».

Deswegen trat der gebürtige Strausberger im vergangenen Herbst - immer noch parteilos - zu den Brandenburger Kommunalwahlen an und zog als Einzelkandidat ins Stadtparlament ein. Mit zwei Freien Demokraten, einem weiteren Einzelkandidaten, einem Grünen und zwei Vertretern der Unabhängigen Freien Wähler schloss sich Knoblich zur Offenen Fraktion zusammen, der zweitstärksten in der Strausberger Stadtverordnetenversammlung. «Wir wollen der rot-roten Koalition Paroli bieten», sagt er kämpferisch. Gegen die Übermacht aus 14 Mitgliedern der Linken und sechs Sozialdemokraten habe man bisher aber nicht viel ausrichten können.

Um so mehr will er sich nun in der Piratenpartei engagieren. «Die zunehmende Datenüberwachung sehe ich als Bevormundung an, als Eingriff in die Bürgerrechte, den wir uns nicht gefallen lassen dürfen», sagt Knoblich, der ehrenamtlich auch noch Schöffe am Strausberger Amtsgericht ist. Das unbegrenzte Speichern von Telefon- oder Kreditkartendaten sei eine Gefahr. «Die Menschen werden vorsichtiger, überlegen sich künftig, was sie sagen und schreiben. Damit wird die im Grundgesetz festgeschriebene Meinungsfreiheit unterhöhlt», ist der Partei-Pirat überzeugt.

Noch wird Knoblich im Strausberger Stadtparlament wegen seiner Parteienwahl größtenteils belächelt. Er ist sich bewusst, dass es noch Jahre dauern kann, bis sich die Piratenpartei etabliert und tatsächlich politisch mitbestimmt. «Die Grünen haben auch so angefangen», gibt er sich optimistisch.

Durch die Kandidatur bei den diesjährigen Europa-, Landtags- und Bundestagswahlen wolle man den Bekanntheitsgrad erhöhen und eine breitere Basis schaffen, sagt Sören Zetzsche vom Brandenburger Landesverband. «Mit dem Einzug in das erste Kommunalparlament bundesweit zeigen wir, dass wir es ernst meinen und keine Spaßpartei sind.» Der Name Piratenpartei sei dabei bewusst provokant, unterstreicht er.

Knoblich sieht seine Aufgabe zunächst darin, andere für das Thema Datenüberwachung zu sensibilisieren. Bei seinen Wählern hat er damit angefangen. «Ich habe in Hohenstein und auch in Strausberg Aufklärung betrieben und bin auf viel Verständnis ob meines Parteieintrittes gestoßen», sagt er. Er sieht sein Engagement vorerst weiter in der Kommunalpolitik, schließt für die Zukunft jedoch nicht aus, «wenn die Partei wächst», auch auf Landesebene aktiv zu werden.

ddp/bkl/fgr