Karlsruhe/Kehl (ddp). Es war die einzige Möglichkeit für NATO-Gegner aus Karlsruhe, mit öffentlichen Verkehrsmitteln am Samstagvormittag zur Demo um 11.00 Uhr nach Kehl zu kommen: Mit dem Regionalexpress um 8.04 Uhr nach Appenweier und von dort mit einem Shuttle-Bus nach Kehl. Die Bahnfahrt verlief planmäßig. Aber was die Demonstranten dann auf der Busfahrt an Schikanen an Polizeisperren erlebten, war «völlig unangemessen», empörte sich die Grünen-Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl. Sie saß wie einige Journalisten auch in einem der »Schienenersatzverkehr«-Busse.

Zunächst musste der Bus - absolut überraschend auch für den vom Landesinnenministerium abgeordneten Fahrer - auf einer Autobahnbrücke über der A 5 anhalten. Die Polizei zog Absperrbänder auf der Brücke auf und avisierte zunächst eine Verzögerung von rund einer Stunde, weil unten ein Konvoi von Staatsgästen erwartet wurde. Ein Bauarbeiter, der mit seinem Pkw warten musste, schimpfte, weil er dringend zu einem Kran in Richtung Kehl musste. «Dass die A 5 zu ist, war klar», sagte er, «aber dass sie auch die kleinen Autobahnbrücken dichtmachen, hat keiner vorher gesagt.»

Eine Frau, die mit ihrem Auto dringend in die Werkstatt fahren wollte, fing plötzlich an der Absperrung auf der Brücke das Singen an: »Wenn ich ein Vöglein wär und auch noch Flüglein hätt', flög' ich hinüber.«

Mehrere Dutzend Fahrzeuge der VIP-Karawane rauschten schließlich nach etwa 20 Minuten mit massiver Polizeibegleitung unter der Brücke durch - oben konnte es weitergehen. Der Busfahrer nahm es noch mit Humor: »Jetzt fahren wir wieder ein Stückle - bis zum nächsten Halt.« Der kam dann auf einer Auffahrt nahe dem Kehler Rheinhafen, die von rund 40 Polizeiwagen blockiert wurde. Ein Beamter sagte: »Hier ist gesperrt, kein Durchkommen!« Der Busfahrer, der vorher die genaue Fahrtroute bekommen hatte und nicht mit solchen Stopps gerechnet hatte, protestierte: »Das geht doch nicht, jetzt stehen wir hier in der Landschaft rum!«

Die Demonstranten, die vor dem Einsteigen durchsucht worden waren, konnten es nicht fassen: »Wir sind so überprüft worden, und jetzt dürfen wir nicht mal durchfahren««, sagte ein Friedensaktivist. Auch Kotting-Uhl reichte es jetzt. Sie stieg aus, zückte ihren Personalausweis und fragte einen der hochgerüsteten Polizisten: »Ich möchte einfach wissen, warum?« Das gehe »über das hinaus, womit man rechnen musste«, sagte sie zu mitfahrenden Journalisten.

Dann, 20 Minuten später, die erlösende Nachricht: Der Bus darf passieren. Doch nur fünf Minuten später stoppte die nächste Polizeikontrolle das Fahrzeug. »Normaler Linienverkehr oder Demonstranten?«, fragte die Polizistin mit dem blonden Zopf den Busfahrer. »Demonstranten!«, lautete die Antwort. Die Polizistin: »Sie können leider hier nicht durch.« Jetzt platzte auch dem Busfahrer der Kragen: »Wir haben das doch mit der Polizei abgemacht!«

Die Polizistin konterte: »Haben Sie irgendwas Schriftliches - ohne Genehmigung oder Akkreditierung kann ich niemandem durchlassen!«. Er gab ihr ein Schreiben, worauf es noch mehrere Minuten dauerte, bis sie wiederkam. »Sie dürfen nun doch durch, Entschuldigung!«, sagte die Polizeibeamtin nur noch. Der Fahrer stöhnte: »Die machen was mit mir!« Er sei seit 30 Jahren Busfahrer, aber so was habe er »noch nie erlebt«.

Als die Demonstranten dann endlich in Kehl aussteigen durften, wurden sie von einem Spalier von Hunderten Polizeibeamten »empfangen«. Ein 32-jähriger Mann aus der Freiburger Friedensbewegung sagte, er sei zwar schon bei vielen Demos gewesen, aber eine solche «Einschüchterung» habe er noch nicht gesehen. »So stelle ich mir einen totalitären Staat vor«, betonte der 32-Jährige. Da wusste er noch nicht, dass Landespolizeipräsident Erwin Hetger am Sonntag den Polizeieinsatz überschwänglich loben würde. Hetger: «Es ist optimal gelaufen.»

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