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(Feature) Proteste zum Leipziger Universitätsjubiläum - Studenten fordern auf Festakt Absage der Feierlichkeiten - Seminarräume weiter besetzt --Von ddp-Korrespondentin Nora Gohlke-- (Mit Bild)

10.05.09 | 12:07 Uhr

Leipzig (ddp-lsc) Mit erhobenen Armen ruft der Student im schwarzen Anzug: «Es gibt hier nichts zu feiern!» und unterbricht das Gespräch der Moderatorin Bettina Volksdorf mit Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) im Leipziger Gewandhaus.

Leipzig (ddp-lsc). Mit erhobenen Armen ruft der Student im schwarzen Anzug: «Es gibt hier nichts zu feiern!» und unterbricht das Gespräch der Moderatorin Bettina Volksdorf mit Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) im Leipziger Gewandhaus. Vor 600 Jahren, im Mai 1409, hatten Gelehrte und Studenten aus Protest gegen politische Entscheidungen die Karls-Universität in Prag verlassen. Ein Teil von ihnen gründete die Universität Leipzig. Am Samstagabend begann mit einem Eröffnungskonzert das Jubiläumsjahr - unter Protesten der Studenten.

«Wir fordern die Absage der Jubiläumsveranstaltungen zur 600-Jahr-Feier der Universität Leipzig», liest der Student, im Gang des fast gefüllten Konzertsaals des Gewandhauses stehend, aus dem offenen Brief der Protestler an das Rektorat vor. Er ist aufgeregt, seine Stimme überschlägt sich. Die Moderatorin bittet ihn nach vorn an das Rednerpult. «Durch die Studienreform wurde die Hochschullandschaft verändert, ohne dass eine kritische Grundsatzdiskussion über Universität und ihre gesellschaftliche Rolle geführt wurde», liest er weiter.

Universitätsrektor Franz Häuser, der kurz zuvor die einführende Rede gehalten hatte, wird direkt angesprochen: «Sie, Herr Häuser, haben in ihren Äußerungen zum studentischen Protest an der Uni Leipzig 'auf die Politik' verwiesen. Eine Absage des Jubiläums wäre deshalb ein deutliches Zeichen dafür, dass im Rektorat die Probleme erkannt wurden und der Wille besteht, Druck auf 'die Politik' auszuüben.»

Seit 24 Tagen besetzen Studenten der Universität einen Teil des ersten Stockwerks des im April eröffneten Seminargebäudes in der Leipziger Innenstadt. «Die Besetzung hat sich spontan ergeben», berichtet Andreas Keller, einer der Demonstranten. «Nach den zwei Tagen Protest im Geisteswissenschaftlichen Zentrum, mit Workshops und Diskussionsrunden, waren wir noch lange nicht in der Lage, fundierte Forderungen zu stellen. Deshalb sind wir in das neue Seminargebäude umgezogen, um dort weiterzumachen», erklärt der Politikstudent. Ein Ende der Proteste stellte Keller für den Fall in Aussicht, dass es Änderungen an den neuen Studiengängen gebe. Es müsse mehr Zeit und Raum dafür geben, sich mit Bildung auseinanderzusetzen.

Wohlwollend reagierte auch der Studentenrat auf die Proteste, die von ihm nicht organisiert worden waren. Das Gremium erklärte sich schnell solidarisch. «Die Studiensituation in Leipzig ist inakzeptabel», findet auch die Studentin Anja Krause. Obwohl an der Uni Leipzig bis zum ersten Masterabschluss keine Gebühren erhoben werden, gibt es offenbar eine Reihe ernsthafter Probleme. Das neue Studiensystem, fehlende Finanzmittel oder überfüllte Seminare führen die Protestler in einer Liste mit 25 Punkten in ihrem Internetblog an. Auch Rektor Häuser erkennt die Probleme und gibt zu, dass der Prozess der Umstellung auf die neuen Studiengänge «noch nicht abgeschlossen und auch sehr, sehr schwierig ist».

Zu den Protesten gab sich der Rektor bisher verständnisvoll: «Wir wollen kritische Studenten ausbilden, keine Ja-Sager.» Jedoch lasse sich inhaltlich zum Widerstreit schwer etwas sagen, denn es würden viele Themen angesprochen. Während der Unterbrechung des Abendprogramms im Gewandhaus wirkte Häuser sehr gefasst. Universitätssprecher Tobias Höhn fand, «dass es nicht ganz angebracht war, wie die Kritik geäußert wurde». Die Universitätsleitung habe nicht vor, die Besetzer demnächst rauszuwerfen. «Doch irgendwann muss die Besetzung aufhören. Wir brauchen die Räume», erklärte Höhn.

Die Protestler bestehen aus einer offenen Gruppe, in deren E-Mail-Verteiler an die 300 Studenten eingetragen sind. An der Universität sind insgesamt 29 000 Studenten eingeschrieben. Rund 60 davon demonstrierten am Samstagabend vor dem Gewandhaus. Sie zeigten Transparente, verteilten Protestbriefe an die Jubiläumsgäste und hielten Reden, bis die Polizei Wortbeiträge und Musik über Lautsprecher verbot.

Acht Monate wird das Jubiläum der nach Heidelberg zweitältesten Uni Deutschlands gefeiert. Geplant sind mehr als 300 Veranstaltungen, internationale Kongresse, Ausstellungen und Konzerte. Den Abschluss bildet der akademische Festakt zum 600. Gründungstag der Universität am 2. Dezember 2009. Rund sechs Millionen Euro werden die Feierlichkeiten kosten. Davon übernimmt der Freistaat etwa 3,4 Millionen, zwei Millionen werden von Sponsoren und Stiftungen zur Verfügung gestellt.

ddp/nog/fgr

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