Frankfurt/Main (ddp-hes). Wer die Liste «bedeutender Persönlichkeiten» einer Stadt im entsprechenden Eintrag des Internet-Lexikons Wikipedia betrachtet, ist mitunter bass erstaunt bis entsetzt. Im Eintrag der freien Online-Enzyklopädie zur Stadt Darmstadt finden sich etwa unter dem Vorwort «bedeutende in Darmstadt geborene Persönlichkeiten» neben Justus von Liebig, Günther Strack und Karlheinz Böhm auch drei Nazischergen: neben dem Chemiker, NS-Funktionär und verurteilten Kriegsverbrecher Carl Krauch tauchen in der Liste auch ein SS-Obersturmbannführer und ein SS-Obergruppenführer auf. Wenige Zeilen darunter folgt Karl Plagge, der als Wehrmachtsoffizier rund 250 jüdische Zwangsarbeiter vor dem Holocaust rettete.

Auf Anfrage der Nachrichtenagentur ddp zeigt sich ein Sprecher der Stadt bestürzt darüber, dass Nazis in Wikipedia als bedeutende Persönlichkeiten geführt werden. «Wir betreiben eine sehr engagierte Erinnerungsarbeit, aber diese Darstellung ist nicht geglückt», sagt Frank Horneff. Bisher sei der entsprechende Eintrag nicht bekannt gewesen, diesen werde die Stadt aber nun von der Hauptverwaltung prüfen lassen. Unter Umständen werde man gegen die Einreihung der Nazigrößen vorgehen.

Ähnlich reagiert die Frankfurter Stadtverwaltung auf die Anfrage. Im entsprechenden Wikipedia-Eintrag taucht Jakob Weiseborn, Kommandant des Konzentrationslagers Flossenbürg auf. Nur wenige Zeilen darunter folgt Anne Frank, die als «jüdisches NS-Opfer» beschrieben wird. Zudem finden sich zahlreiche jüdische Frankfurter, die vor dem Naziterror fliehen mussten. «Völlig unangemessen ist zum einen die unkommentierte Positionierung des Namens eines KZ-Kommandanten wenige Zeilen entfernt von Verfolgten oder gar Mordopfern des NS-Regimes wie Anne Frank und in derselben Rubrik wie Johann Wolfgang Goethe», kritisiert Pressesprecher Thomas Scheben, selbst Historiker. Er unterstreicht, dass es nicht darum gehe, bestimmte Personen und Tatsachen zu leugnen, sondern sie richtig einzuordnen.

Sebastian Moleski, Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland, verweist auf die offene Architektur des Internet-Lexikons, in der jeder mitarbeiten könne. Folglich gebe es keine feste Redaktion, die Inhalte überprüfe. «Wir sind zwar als Dienstleister da, am Ende entscheidet aber die Gemeinschaft selbst, was in den einzelnen Artikeln steht», formuliert er. Er persönlich sei der Meinung, dass die Darstellung zumindest fragwürdig ist: «Den Begriff 'Persönlichkeit' sollte man überdenken, denn der hat ja eigentlich einen positiven Beiklang.» Er wolle eine Diskussion anregen, damit die Personeneinträge in Wikipedia-Artikeln zumindest in einem neutralen Umfeld erscheinen.

Ein Blick in einschlägige Internetforen lege zudem den Schluss nahe, dass die Einträge von Nazischergen in einer Liste «bedeutender Persönlichkeiten» keinesfalls zufällig seien. «Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um Wikipedia den Bolschewisten zu entreißen und mit nationalem Wissen zu füllen», schreibt dort etwa ein Nutzer. Ein Problem, das Moleski durchaus nicht neu ist. «Der Wunsch vieler politischer Gruppierungen, Wikipedia zu unterwandern, ist bekannt», räumt er ein. Dagegen vorzugehen sei die Sache der über 300 Administratoren, 5800 sogenannter Sichter (die Inhalte überprüfen) und nicht zuletzt der Autoren der einzelnen Artikel.

Auf die Selbstreinigungskräfte des Internet hofft indes Frankfurts Pressesprecher Thomas Scheben: «Es wäre zu wünschen, dass die Wikipedia auf dem Wege der Selbstkontrolle darauf achtet, sich nicht zum Vehikel äußerst anrüchiger, wenn nicht rechtswidriger politischer Strömungen zu machen.»

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