Darmstadt (ddp-hes). Martin Klosers Bestzeit liegt bei 3 Stunden und 23 Minuten. «Diesmal will ich es unter drei Stunden schaffen», sagt der 32-Jährige, während er sein linkes Knie anwinkelt, den Fuß nach hinten zieht und seine Oberschenkelmuskulatur dehnt. Seit sechs Monaten trainiert Kloser schon für den kommenden Sonntag. Dann wollen er und seine 22 Lauf-Kumpels die 42,195 Kilometer lange Marathon-Strecke in Angriff nehmen - in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Darmstadt.

Kloser sitzt wegen wiederholten Einbruchdiebstahls ein, früher war er mal Leistungssportler. Rad sei er gefahren. «Dann bin ich total abgestürzt», sagt er. «Falsche Freunde und so.» Doch das ist für ihn Vergangenheit, die er im Knast hinter sich lassen, bewältigen, vergessen will. Zum Beispiel mit dem monatelangen Training für den inzwischen dritten Knastmarathon in Darmstadt, dem vermutlich einzigen in ganz Deutschland. Ihm gehe es «ums Durchhalten» am Sonntag. «Das ist eine tolle Abwechslung. Sonst hat man ja eh nichts zu tun», sagt Kloser.

Um die Abwechslung für die Gefangenen ging es auch vor mehr als zweieinhalb Jahren, als Sportübungsleiter Gerhard Wydra die Idee für den Gefängnis-Dauerlauf hatte. «Wir wollten mal wieder ein besonderes Sport-Projekt anbieten», sagt er. Das ist gar nicht so leicht, wenn man räumlich so beschränkt ist wie im Knast - dabei ist die Darmstädter JVA mit ihrer fast schon idyllischen Lage im Kiefernwald für ein Gefängnis ziemlich weitläufig. «Ein Marathon schien uns da das Beste», sagt Wydra: «Einfach umsetzbar und trotzdem außergewöhnlich.»

Für das Training der Gefangenen holte sich die JVA den Marathon-Profi Dieter Bremer, der unter anderem auch den Frankfurter Stadtmarathon organisiert. Mehrere Male war Bremer in den vergangenen sechs Monaten zur Vorbereitung bei den Inhaftierten. Fünfmal die Woche mussten die 23 Läufer trainieren, manchmal ging es nach der Arbeit noch mehrere Stunden nach draußen zum Laufen. «Wir hatten 100 Trainingseinheiten, und keine einzige davon ist ausgefallen», sagt Wydra. Trotz des teils fiesen Winterwetters mit Schnee, Eis und Regen.

Sowohl die sechsmonatige Vorbereitung als auch der Lauf am Sonntag spielen sich hinter den meterhohen Betonmauern ab. Die Route führt quer durch das JVA-Areal, sie ist genau 1,758 Kilometer lang und muss von den Teilnehmern 24 Mal abgelaufen werden. «Das ist natürlich kein Landschaftslauf, es hat aber auch Vorteile», sagt Wydra. Schließlich komme man öfter an der Verpflegungsstation vorbei. Neben den 23 Häftlingen machen auch noch etwa 130 Bürger von außen und einige Beamte aus anderen Anstalten beim Marathon mit.

Um Teilnehmer von außen oder aus anderen Gefängnissen macht sich Michael Walter derzeit keine Gedanken. Für den 44-Jährigen ist es nicht der erste Anlauf zum Marathon. «Ich hab es vor zwei Jahren schon mal versucht», erinnert er sich. Damals habe er noch 96 Kilo gewogen und sei schlicht nicht fit genug gewesen. Das Schlimmste an den vergangenen Monaten seien die schmerzenden Füße gewesen. «Ich musste mich schon überwinden und durchbeißen», sagt Walter, der wegen schweren Raubes mehrere Jahre einsitzt: «Laufen tut mir einfach gut.»

Der vor rund drei Jahren als einfaches Sportprojekt gestartete Knastmarathon sei inzwischen «mehr als das», sagt Anstaltspsychologe Willi Zehfuß. Die Vorbereitung auf den Marathon habe bei den Gefangenen «nur Positives» ausgelöst, Konzentration und Disziplin seien gestiegen. «Das hat der ganzen Persönlichkeitsentwicklung gut getan», ist auch Anstaltsleiter Wigbert Baulig überzeugt. Der Knast-Marathon könnte deshalb bald in anderen Anstalten Nachahmer finden. «Am Sonntag laufen auch schon ein paar Gefangene aus der JVA Wittlich mit», sagt Wydra.

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