(Feature) Fünf Minuten Schläge und Beschimpfung - Leipziger Theater will Schüler im Klassenzimmer für das Thema Mobbing sensibilisieren --Von ddp-Korrespondentin Verena Frick--
Leipzig (ddp-lsc) Ein neuer Mitschüler steht vor der Klasse Groß ist er, dünn und sehr nervös.
Leipzig (ddp-lsc). Ein neuer Mitschüler steht vor der Klasse. Groß ist er, dünn und sehr nervös. Bevor der Neue sich vorstellt, macht er seinen Mitschülern mit zitternder Stimme ein ungewöhnliches Angebot: «Ich gebe euch fünf Minuten, in denen ihr mit mir machen könnt, was ihr wollt. Ihr könnt mich Fotze nennen, mir den Rucksack klauen oder mich schlagen.» Nervös kichert die Klasse. Nach mehrmaligen Aufforderungen tönt halblaut aus den hinteren Reihen: «Loser!» Dann ist das Eis gebrochen, immer mehr und immer heftigere Schimpfworte hageln auf den Neuen ein. Lukas Kubik heißt er und ist Schauspieler am «Theater der jungen Welt» in Leipzig.
Im Klassenzimmerstück «Erste Stunde» mimt er das perfekte Mobbing-Opfer, um den Schülern zu zeigen, dass Mobbing eigentlich jeden treffen kann. Der Autor Jörg Menke-Peitzmeyer geht in seinem Stück davon aus, dass es keine Klasse ohne Mobbing gibt: «Das ist wie ein Meer ohne Wasser.» Und Regisseurin Romy Kuhn präsentiert einer achten Klasse der Leipziger Thomasschule bei der Premiere am Donnerstag das perfekte Opfer - bereit, alles über sich ergehen zu lassen, ständig aufwartend mit immer neuen, erniedrigenden Geständnissen: «Ich bin eine Schwuchtel, die sich letzte Nacht eingepisst hat.»
Die Schüler sollen reagieren, und das tun sie auch. Zuerst mit Worten, dann steht ein Junge aus der ersten Reihe auf und reißt dem Schauspieler seinen Rucksack herunter. Ein anderer verpasst ihm nach kurzem Zögern zwei Ohrfeigen. »Die Kinder reagieren immer wieder auf andere Stellen. Darauf muss der Schauspieler flexibel eingehen, ohne dabei seine Rolle zu verlassen», erläutert die Regisseurin. Der Monolog des Stücks sei damit gleichzeitig ein Dialog mit dem Publikum. Durch die authentische Situation im Klassenzimmer vermische sich die Realität mit dem Theater, sagt Kuhn.
Nach fünf Minuten ist der Spuk vorbei. Lukas Kubik wechselt den Tonfall. Seine Stimme klingt jetzt hart und bestimmt. Jetzt dreht er den Spieß um und beginnt, die Klasse zu beschimpfen. Anfangs lachen die Kinder, erst als er ein Klappmesser zückt, herrscht für einen kurzen Moment Stille.
Diese Spannungsmomente wechseln mit Erklärstücken, in denen Kubik die Täter mit einem Galgenmännchen vergleicht: «So einer ist schon fertig mit dem Leben, wenn er aus der Schule herauskommt.» Denn die Täter seien unselbstständig, dumm, nicht teamfähig - kurz, schwer vermittelbar auf dem Arbeitsmarkt.
Gleichzeitig wendet sich der Schauspieler an die Schüler als mögliche Opfer, denn treffen könne es alle: «Jeder von euch ist etwas Besonderes, deswegen ist jeder von euch ein potenzielles Opfer.» Hübsch? Also eine «Schlampe». Gut in Deutsch? Ein Grund die Brille zu zertreten. Viele Freunde im Fußballverein? Ein Angeber und Egoist. So einfach könne die Wirklichkeit für Ausgrenzung und Mobbing sein.
Auf diese Art wechseln komplexe Passagen mit offensichtlicher Provokation. «Wir wollen keine Fingerzeig-Pädagogik», sagt die Regisseurin. Das Stück sei ein Diskussionsangebot an die Schüler. Daher sei im Anschluss eine Nachbereitung mit einer Theaterpädagogin des «Theaters der jungen Welt» vorgesehen. Das Theater komme in die Schulen und sei sachsenweit buchbar. Am 6. Mai werde es in Leipzig einen Vorführtermin für interessierte Lehrer geben.
ddp/vef/fgr
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