Frankfurt/Main (ddp-hes). Die kleine Holztür direkt neben dem S-Bahnhof Ostendstraße in Frankfurt wirkt unscheinbar. Auf den ersten Blick würde wohl niemand vermuten, dass sich in dem ockergelben Gebäude jeden Tag rund 100 Junkies unter ärztlicher Aufsicht synthetisches Heroin (Diamorphin) spritzen. Doch die Ambulanz wird rund um die Uhr von Kameras überwacht, an die Fenster sind Gitterstäbe geschraubt. «Bei vielen Patienten würden Sie nie glauben, dass das mal Junkies auf der Straße gewesen sind», sagt der Arzt Hamid Zokai.
Die Einrichtung wurde vor sechs Jahren als eines von sechs Modellprojekten zur Therapie Schwerstabhänger ins Leben gerufen. Am Donnerstag berät nun der Bundestag, ob künftig eine Regelbehandlung mit Diamorphin auf Kosten der Krankenkassen erlaubt wird.
Zokai hofft endlich auf eine gesetzliche Grundlage für die Behandlung. «Es gibt sehr große Erfolge», betont der Mediziner. Das Therapiemodell richte sich an Schwerstabhängige, die anders nicht mehr zu erreichen seien. Oft lebten die Junkies seit Jahren auf der Straße, seien schwer krank und finanzierten ihre Drogen durch Kriminalität. «Die medikamentöse Behandlung ist eine Möglichkeit, die Patienten zu resozialisieren.» Die Freude sei groß gewesen, als sie zum ersten Mal «Guten Morgen» gesagt hätten.
Das Modell sei eine sehr disziplinierte Behandlungsform, sagt der Arzt. Die Junkies müssten zur Aufnahme ein strenges Prozedere über sich ergehen lassen. Während der Therapie bekommen sie bis zu drei Mal am Tag zu festen Zeiten Heroin verabreicht, das nicht wie auf der Straße durch gesundheitsschädliche Stoffe gestreckt ist. Zudem stehen regelmäßige medizinische Untersuchungen und Gespräche mit Psychologen auf dem Programm. «Die Patienten bekommen erstmals wieder einen Tag-Nacht-Rhythmus», berichtet Zokai.
Da der Beschaffungsdruck wegfalle, hätten sie Zeit, sich um eine Wohnung oder Arbeit zu kümmern. Die Teilnehmer seien zu «100 Prozent» von der Straße weggekommen. Viele von ihnen könnten in eine weiterführende Therapie vermittelt werden. «Man freut sich über die kleinen Schritte», sagt der Mediziner.
Nach der Anmeldung erhalten die Patienten eine Spritze mit ihrer Dosis Heroin. In dem kleinen Raum setzen sich die Junkies unter ärztlicher Aufsicht ihren Druck. Auf den drei Tischen liegen Papiertücher, Pflaster und eine gelbe Plastikflasche mit Desinfektionsmittel, es riecht nach Krankenhaus. «Das ist Absicht», sagt der Oberarzt. Den Patienten solle deutlich werden, dass sie krank seien. Nach ihrem Druck stehen die Junkies eine halbe Stunde unter Beobachtung. Sie holen sich am Automat einen Kaffee, sitzen in der Sonne und lesen Zeitung oder rauchen eine Zigarette. Danach gehen sie ihrem Alltag nach. «Für die Patienten bedeutet das einen sehr hohen Gewinn an Lebensqualität», betont Zokai.
Vor anderthalb Jahren ist das Modellprojekt ausgelaufen. Mit einer Sondergenehmigung betreibt die Stadt Frankfurt die Ambulanz weiter und zahlt für die Therapie pro Jahr 1,5 Millionen Euro aus eigener Tasche. Der Referent des Gesundheitsdezernats, Wulfila Walter, betont: «Das wird die Kommune auf Dauer nicht tragen können.» Deshalb wird er am Montag nach Berlin reisen, um die Abgeordneten im Bundestag von den Erfolgen des Projekts zu überzeugen. «Die Studienergebnisse sind eindeutig positiv, es gibt keine andere Interpretation», sagt Walter.
Es gebe mehrere Anträge, die nahezu identisch seien und eine von den Krankenkassen finanzierte Regelbehandlung fordern. Einzig die Union dränge mit ihrem Antrag auf weitere wissenschaftliche Untersuchungen. «Das ist absolut unnötig», sagt der Referent. Das Modellprojekt laufe seit 2003, dabei seien umfassende Daten zusammengetragen worden. «Wir sind absolut überzeugt von der Wirksamkeit», fügt er hinzu. Sollte eine gesetzliche Regelung scheitern, werde gemeinsam mit anderen Städten überlegt, ob eine Klage möglich sei.
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