Berlin/Bremen (ddp). Michael Brinkmann fühlt sich unter den Fahrradkurieren schon als «alter Sack». In der Branche sind die Männer und Frauen meistens zwischen 20 und 25 Jahre alt. Doch der 43-Jährige lässt sich von den jungen Leuten nicht beeindrucken. Im vergangenen Jahr in Eindhoven bei der Europameisterschaft ließ der Bremer letztlich alle jüngeren Fahrer hinter sich und stand auf dem Siegertreppchen ganz oben. «Erstmals in diesem hohen Alter den Titel des Champions zu holen, das ist schon Wahnsinn», sagt der drahtige Mann mit dem Ohrring, der seit mehr als einem Jahrzehnt an Meisterschaften teilnimmt und seit 15 Jahren als Kurier arbeitet.

Ganz spurlos scheint der letztjährige Erfolg an dem Vater einer 14-jährigen Tochter nicht vorbeigegangen zu sein. Wenige Tage vor der diesjährigen Europameisterschaft zu Pfingsten in Berlin ist er «aufgeregt wie noch nie« und schläft nachts auch etwas unruhiger, wie Brinkmann im ddp-Interview in Bremen einräumt. «Die Souveränität kommt erst nach dem ersten Start», ist sich der Titelträger aber sicher, der mit seinen Leistungen auch für die mehr als 100 Fahrradkurierdienste in Deutschland Werbung macht.

Mehr als 700 Konkurrenten aus ganz Europa, Nordamerika und Japan warten auf den Titelträger ab Samstag (28. Mai). »An den drei Renntagen ist bei uns jeder herzlich willkommen», sagt ein Sprecher des Veranstalters, der mit einem neuen Teilnehmerrekord rechnet. Erstmals nach Freiburg im Jahr 2000 finden die Wettkämpfe der schnellsten und geschicktesten Fahrradkuriere wieder in Deutschland statt. In sieben Disziplinen werden dabei am ehemaligen Flughafen Tempelhof die Fähigkeiten, die einen guten Kurier ausmachen, getestet. «Wie im Alltagsgeschäft müssen Sendungen vom Kugelschreiber bis zum Schuhkarton abgeholt und ausgeliefert werden», sagt Brinkmann. Wie die Aufgabe genau aussehe, wisse er noch nicht.

Diese Rennen sind mehr als ein Freizeitspaß: «Ich war im Vorjahr über das hohe Niveau überrascht. Die Dänen und Norweger, aber auch die Engländer haben gute Fahrer dabei.» Brinkmann ist sich gewiss: «Es wird schon harte Arbeit, wenn ich erneut Europameister werden will.»

Zumindest bei den letzten Rennen hofft der Bremer auch auf familiäre Unterstützung. «Meine Frau will am kommenden Montag in Berlin dabei sein. Sie kennt sich aus, da sie in meiner Firma selbst als Kurier mitarbeitet. Aber auch unsere 22 Mitarbeiter drücken mir wieder kräftig die Daumen», blickt der Gejagte voraus.

Seit einigen Wochen trainiert der 43-Jährige gezielt auf den Höhepunkt hin - in der Arbeitszeit. «Von den sechs bis sieben Stunden täglich sitze ich etwa drei bis vier als Kurier auf dem Rad. Die restliche Zeit stehe ich an der Ampel oder bin beim Kunden. Danach muss ich immer wieder kraftvoll antreten, so wie bei jedem Rennstart», erläutert der Bremer. «Dieses Intervalltraining und meine Touren mit einem Montainbike sorgen für Kraftzuwachs.» Beruflich flitzt er pro Schicht etwa 70 Kilometer kreuz und quer durch Bremen.

Das Fahren als Kurier ist für ihn zum Lebensstil geworden - sich mit eigener Muskelkraft fortbewegen zu können und sich nicht von irgendwelchen Tankstellen abhängig machen zu müssen. «Ich sitze nicht in einem Büro und gucke aus dem Fenster auf die grüne Wiese, sondern ich fahre auf der grünen Wiese», meint Brinkmann. Die frische Luft und den ständigen Kontakt mit den Menschen möchte er nicht mehr missen. Und auch der Gesundheit tut es gut: «Ich war jedenfalls das letzte Mal vor sechs Jahren krank.»

Heute fährt er in der Regel dreimal die Woche, die anderen Tage arbeitet als Dispatcher. Vor allem im Winter sei diese Arbeitsteilung gut, sagt der Firmenchef. «Der Bremer Winter hat zwei Grad und Nieselregen, da weiß man nach drei Tagen auch, was man gemacht hat.» Zum alten Eisen zählt sich der Europameister nach eigenem Bekunden aber auch im Job nicht: «Im Sommer sind dann fünf Tage auf dem Rad angesagt.»

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