(Feature) Die Last des Katastrophenimage - Die Gemeinde Eschede steht seit zehn Jahren für den schwersten Unfall eines Hochgeschwindigkeitszuges --Von ddp-Korrespondent Daniel Staffen-Quandt-- (Mit Bildern)
17.05.2008 | 12:05 UhrEschede (ddp-nrd). Günter Berg zieht die Augenbrauen hoch und holt tief Luft, wenn er an die kommenden Tage denkt. Dem parteilosen Bürgermeister der Samtgemeinde Eschede mitten in der Lüneburger Heide steht wohl eine anstrengende Zeit bevor. Vor beinahe zehn Jahren, am 3. Juni 1998, entgleiste unweit der 6500-Einwohner-Gemeinde der ICE 884 «Wilhelm Conrad Röntgen». Der Zug zerschellte an einer Betonbrücke, 101 Menschen starben. Seither steht der Ortsname Eschede für das weltweit schwerste Unglück eines Hochgeschwindigkeitszuges.
Berg macht sich keine Illusionen: «Da kommt noch was», sagt der ruhige, fast bedächtig wirkende Mann, während er in seinem hübschen, schlichten Büro im Rathaus von Eschede sitzt. Mit «noch was» meint Berg, dass nun wieder in ganz Deutschland, in ganz Europa, wahrscheinlich sogar auf der ganzen Welt der Name seiner Gemeinde mit einer Katastrophe gleichgesetzt wird. Zig Kamerateams werden vor dem und am 3. Juni wieder durch die Gemeinde ziehen, auf der Suche nach Schicksals- oder Heldengeschichten.
An der Wand von Bergs Büro hängen Schwarz-Weiß-Fotos, die wie eine professionelle Retro-Imagekampagne für den Ort wirken. Sie zeigen fröhliche Menschen, etwa einen älteren Mann in einer Backstube, der in seinen mehligen Händen Brötchen hält; oder eine Frau, die eine Kiste Blumen trägt. «Auch das ist Eschede», scheinen die Fotos sagen zu wollen. Es sei schade, sagt Berg, dass so schnell untergegangen sei, dass sich Eschede im Augenblick der Tragödie als Ort der Menschlichkeit, der spontanen Hilfsbereitschaft präsentiert habe. Hängengeblieben sei leider nur das Negative, der Unfall. «Dabei lässt es sich bei uns wunderbar leben», betont der Bürgermeister.
Doch Berg will nicht jammern. Denn der Unfall hat zwar zwangsläufig Narben hinterlassen in der Gemeinde, für jeden sichtbar in Form der ebenso imposanten wie schlichten Gedenkstätte. «Eschede ist nach der Katastrophe aber nicht in kollektive Depression gefallen», erzählt der Bürgermeister. Die Bürger seien mit dem Unglück «relativ normal» umgegangen, das Leben gehe schließlich weiter. Und doch sei es den Bürgern Eschedes ein Anliegen, den Angehörigen und Opfern ein würdevolles Trauern zu ermöglichen, erklärt Berg: «Deshalb pflegen wir die Gedenkstätte.»
Aus eben diesem Grund will die Gemeinde gemeinsam mit dem Landkreis Celle am zehnten Jahrestag auch eine offizielle Trauerfeier an der Gedenkstätte ausrichten - dabei sollen Film- und Fotoaufnahmen komplett verboten sein. «Das ist ein Grundstück der Gemeinde. Bei uns soll kein Trauernder zur Schau gestellt werden», sagt der Rathauschef im bestimmten Ton. Neben dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) soll dann auch Heinz Löwen, der Sprecher der Eschede-Opfer, sprechen. Auch ein ökumenischer Gottesdienst ist geplant.
Es ist kurz nach 11.00 Uhr, Günter Berg steht neben dem steinernen Tor am Rand der neuen Brücke oberhalb der Gedenkstätte. Ein leises Donnern aus Richtung Süden wird immer lauter, dann zischt der ICE in Richtung Hamburg an den 101 Kirschbäumen der Gedenkstätte vorbei. «Das ist er», sagt Berg, «mit ein bisschen Verspätung». Noch immer braust der ICE zur selben Zeit wie damals der kleinen Gemeinde vorbei. «Ein komisches Gefühl», findet Berg.
Daran, dass der ICE nach der Katastrophe langsamer an Eschede vorbei fahren sollte, habe nie jemand gedacht, erläutert Berg. Das Vertrauen «in das Verkehrsmittel Bahn war und ist immer noch da», erklärt der Bürgermeister. Züge seien schließlich sicherer als Auto und Flugzeug, zudem sei «Bahnfahren doch etwas Faszinierendes».
Nur an diesem 3. Juni soll die volle Fahrt des ICE wenigstens für einen Moment gebremst werden. Bislang donnerte der Zug ungebremst und ohne Rücksicht an allen Jahrestagen an den Trauernden vorbei. Nun, am zehnten Jahrestag, soll kein ICE das Gedenken stören, verspricht Berg. «Wir verhandeln mit der Bahn, die Züge anzuhalten», sagt er.
Inzwischen ist klar, dass der Verkehr auf der Schnellfahrstrecke während der Gedenkminute ruhen wird. Ob dies während der gesamten Gedenkfeier am 3. Juni gelinge, dazu könne man noch «keine konkrete Aussage» machen, heißt es aus der Bahn-Zentrale.
ddp/sff/ple
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Günter Berg zieht die Augenbrauen hoch und holt tief Luft, wenn er an die kommenden Tage denkt. Dem parteilosen Bürgermeister der Samtgemeinde Eschede mitten in der Lüneburger Heide steht wohl eine anstrengende Zeit bevor. Vor beinahe zehn Jahren, am 3. Juni 1998, entgleiste unweit der 6500-Einwohner-Gemeinde der ICE 884 «Wilhelm Conrad Röntgen». Der Zug zerschellte an einer Betonbrücke, 101 Menschen starben. Seither steht der Ortsname Eschede für das weltweit schwerste Unglück eines Hochgeschwindigkeitszuges.
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