Eine Gemeinde kämpft gegen ihren Bürgermeister: Die kleine Gemeinde Rickenbach nahe Freiburg ist ein wahr gewordenes Postkartenidyll. Ein gepflegtes Ortsbild mit Dorfbrunnen und schmucken Blumenampeln, im Hintergrund ragt der Schwarzwald empor. Doch spätestens seit die Staatsanwaltschaft gegen den Bürgermeister ermittelt, weil er einen Brandbomben-Anschlag auf sich vorgetäuscht haben soll, wird die kleine Gemeinde immer mehr zur Krimi-Kulisse.
Vergrößern Eine Gemeinde kämpft gegen ihren Bürgermeister | Bild: © dapd

Rickenbach (dapd-bwb). Die kleine Gemeinde Rickenbach nahe Freiburg ist ein wahr gewordenes Postkartenidyll. Ein gepflegtes Ortsbild mit Dorfbrunnen und schmucken Blumenampeln, im Hintergrund ragt der Schwarzwald empor. Doch spätestens seit die Staatsanwaltschaft gegen den Bürgermeister ermittelt, weil er einen Brandbomben-Anschlag auf sich vorgetäuscht haben soll, wird die 4.000-Einwohner-Gemeinde mehr und mehr zur Kulisse eines Kriminalfalls.

'Er ist wie vom Erdboden verschluckt', sagt Moosmanns Stellvertreter Hubert Strittmatter. 'Ich habe ihn seit einem Jahr nicht gehört und gesehen.' Bis zum 5. Oktober war der Bürgermeister eigentlich krankgeschrieben, doch in diesen Tagen flatterte ein neues Attest ins Rathaus. 'Arbeitsunfähig bis Dezember', heißt es.

Die Rickenbacher können den Namen Moosmann mittlerweile nicht mehr hören. 'Ich vermisse ihn nicht', sagt ein ansässiger Metzgermeister. Eine Verkäuferin in der Bäckerei nahe des Rathauses winkt bei dem Thema nur noch ab. 'Ich weiß gar nicht, was wir an dem überhaupt fanden.'

Die merkwürdige Geschichte im Hotzenwald begann im Februar 2007, als der Betriebspädagoge Moosmann aus St. Georgen zum Rathauschef gewählt wurde. Nach anfänglicher Begeisterung für den Ortsfremden, der doch 'jeden mit Namen kannte', rumorte es hinter den Rathausmauern bald gewaltig. 'Mit seinem Umzug ins knapp 90 Kilometer entfernte Bad Krozingen stieß er die Rickenbacher endgültig vor den Kopf', kritisiert Strittmatter. Moosmann selbst, der homosexuell ist, gab damals 'Voyeurismus und Getratsche' als Grund an.

Für Ärger sorgten auch die krankheitsbedingten Abwesenheiten: Im Herbst 2009 fehlte der Bürgermeister nach Angaben aus dem Rathaus mehrere Monate. Im Sommer 2010 beschmierten Unbekannte sein Auto, wenige Wochen später erhielt Moosmann per Post eine tote Maus. Der Rathauschef meldete sich wieder krank. Inzwischen wurde die Frage aufgeworfen, ob auch diese Anschläge fingiert waren.

Die 15 Gemeinderäte Rickenbachs stellten im April 2011 einen Antrag auf Amtsenthebung, der jedoch vom Regierungspräsidium Freiburg abgelehnt wurde. 'Ein Bürgermeister muss ganz schön etwas ausfressen, damit er entlassen werden kann', begründet ein Sprecher die Entscheidung im Breisgau.

Am ersten Juli-Sonntag arbeitete sich der Rathauschef, der Wochenenddienste aus gesundheitlichen Gründen strikt ablehnte, nach langer Abwesenheit wieder ein. Plötzlich wurde laut Polizeibericht die Attrappe eines Molotow-Cocktails durchs Fenster ins Amtszimmer geworfen. Der Bürgermeister wollte fliehen, doch die Tür war von außen mit einem Holzstück verkeilt. Eine nahe dem Rathaus angebrachte Kamera zeigte laut Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen aber keine werfende Person. Dafür war auf dem Videoband ein schwarzes Auto zu sehen, das vor dem Rathaus hielt.

Über einen auffälligen Aufkleber am Kofferraum fanden die Ermittler laut Oberstaatsanwalt Gerhard Wehmeier das mutmaßliche Tatfahrzeug. Der Mieter: Norbert Moosmann. Da im Vertrag ein Partner als zweiter Fahrer verankert war, ermittelt die Staatsanwaltschaft auch gegen den Lebensgefährten. Er steht im Verdacht, die Tür verkeilt zu haben.

Das Landratsamt Waldshut leitete umgehend ein Disziplinarverfahren gegen Bürgermeister Moosmann ein. 'Wollte er sich finanzielle Vorteile verschaffen?', fragt sich Dezernent Walter Scheifele. Im Gemeinderat gingen schon seit längerem Gerüchte um, dass sich der Bürgermeister aufgrund des 'Dienstunfalls' für arbeitsunfähig erklären lassen wollte, um höhere Pensionsansprüche 'herauszuholen'.

Nach Angaben von Scheifele hat sich Moosmann zum Verfahren bisher nicht geäußert. 'Sein Anwalt lehnt eine Stellungnahme ebenfalls ab', sagt Klaus Döll, Richter am Verwaltungsgericht in Freiburg. Dort läuft eine ältere Klage Moosmanns gegen das Landratsamt. Gegenstand ist seine Wiedereingliederung in den Rathausbetrieb nach längerer Krankheit im Frühjahr 2011.

Nachdem eine Gesetzesänderung zur Abwahl von Bürgermeistern laut Innenministerium nicht zur Debatte steht - die Ökologisch Demokratische Partei (ÖDP) in Waldshut hatte genau das vom Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) gefordert - wünscht sich Strittmatter in Rickenbach Neuwahlen. 'Mehrere Jahre mit einem Stellvertreter bringen die Gemeinde nicht weiter.'

Eine amtsärztliche Untersuchung Ende Oktober soll unabhängig von den Ermittlungen klären, wann Moosmann wieder dienstfähig ist. Bis es soweit ist, will der frühere Herrischrieder Bürgermeister Roland Baumgartner halbtags in Rickenbach einspringen.

dapd