Ein Lichtblick aus Lichtenberg: 'Die Leute kommen hier nicht hin. Schuld sind die ganzen Rechten', beschwert sich ein alter Mann am Bahnhof Berlin-Lichtenberg. Die Gegend gilt als Rechtsradikalen-Gebiet. Doch auch viele Familien mit ihren Kindern wohnen hier. Was fehlt, sind gemeinnützige Einrichtungen, Kindergärten und Jugendtreffs sind rar. Aus Langeweile landet so mancher Jugendliche in der Nazi-Szene.
Vergrößern Ein Lichtblick aus Lichtenberg | Bild: © dapd

Berlin (dapd).

Das könnte sich im Bahnhofsviertel bald ändern. Denn Michael Heinisch hat eine Idee. 'Wir bauen die Barmherzigkeitskirche um', beschloss der Geschäftsführer der 'Sozialdiakonischen Arbeit Berlin-Lichtenberg'. So entsteht jetzt in dem verwaisten Pfarrgebäude des Viertels eine Kindertagesstätte und ein Jugendklub. 'Es wird eine Anlaufstelle für demokratische Jugendarbeit', erzählt Heinisch. Als er von seinem neuesten Projekt spricht, schweift sein Blick in die Ferne, er lächelt.

Es ist nicht das erste Mal, dass dem 46-Jährigen so eine Idee kam. Schon etliche, vormals verwahrloste Bauten hat er zu gemeinnützigen Einrichtungen umfunktioniert. Aus alten Häusern wurden Unterkünfte für Obdachlose oder Kindergärten, und als im Norden Lichtenbergs ein Jugendtreff sein marodes Domizil dicht machte, schufen Heinisch und sein Team als Alternative einen neuen Klub - in einem stillgelegten Straßentunnel. 'Das war nicht schwer, denn Wände waren ja noch da', sagt Heinisch und lacht sein helles Lachen.

An anderer Stelle entstand auf einem verlassenen Schulgelände ein internationaler Schrebergarten, Immigranten aus unterschiedlichen Nationen von Argentinien bis zur Ukraine beackern hier ihre Parzellen. Heinischs Antrieb bei alledem: 'Ich will möglichst vielen Menschen Treffpunkte zum Zusammenleben geben.'

Tatsächlich profitieren zahlreiche Menschen vom Engagement des fünffachen Vaters. Rund 2.500 Personen nutzen täglich die insgesamt 25 Wohngruppen, Tagesstätten und Jugendeinrichtungen, die die Sozialdiakonische Arbeit unterhält, erzählt stolz ihr Gründer. Kein Wunder also, dass selbst Bundespräsident Christian Wulff von Heinischs Wirken hörte. Das Staatsoberhaupt würdigte ihn am Donnerstag auf seinem Neujahrsempfang als einen von mehr als 60 verdienten Bürgern aus ganz Deutschland.

'Eher smalltalk-mäßig' sei die Unterredung mit dem Präsidenten-Ehepaar gewesen, sagt Heinisch später. 'Aber ihre Anerkennung motiviert mich natürlich zum Weitermachen.' Denn Anerkennung hat Heinisch nicht immer bekommen. Aufgewachsen ist er als Sohn eines evangelischen Pfarrers in Frankfurt an der Oder, in der DDR. Dort engagierte sich Heinisch schon als Jugendlicher in der Kirche, was ihm schnell Schwierigkeiten mit der SED einbrachte. Die Partei ließ ihn nicht auf das Gymnasium.

'Ich wurde zum Schulleiter gerufen, da waren diese Herren in DDR-Anzügen', erinnert sich Heinisch an die entscheidende Szene in der 8. Klasse. Sohn eines Pfarres zu sein, sei problematisch, erklärten die Stasi-Leute dem Klassenbesten. Auf die weiterführende Schule dürfe er nur, wenn er sich als Inoffizieller Mitarbeiter verpflichte. Doch Spitzel zu sein, kam für Heinisch nicht infrage. 'Denn ich wusste, dass das System nicht in Ordnung war', erzählt Heinisch. Kurz zuvor war er wegen einem pazifistischen Aufnäher auf seiner Jacke für eine Nacht im Keller einer Polizeiwache gelandet. 'Also hab ich eben kein Abitur gemacht.'

Zur Zeit der Wende begann Heinisch mit seinen sozialen Projekten in Ostberlin, kümmerte sich zunächst um Jugendliche mit Problemen. 'Viele Punks hier in der Gegend wussten nach der Wende nichts mit der neuen Freiheit anzufangen', erzählt der 46-Jährige. Heinisch sanierte mit ihnen Häuser in der Lichtenberger Pfarrstraße und gab ihnen so 'gleichzeitig Arbeit und Obdach. Das hat echt gut gepasst.' Kurz danach gründete er die Sozialdiakonische Arbeit. Nahezu jährlich schufen er und seine Mitarbeiter neue Treffpunkte für die Menschen in Ostberlin. Und das soll sich auch in Zukunft fortsetzen. Heinisch ist fest überzeugt: 'Meine Arbeit wird weitergehen.' Das nächste Projekt wartet im Lichtenberger Bahnhofsviertel.

dapd