Dresden (dapd-lsc).
1939 war Brann, Tochter eines Juden und einer Protestantin, vor den Nazis nach Südamerika geflohen. 'Als ich im Radio die Bombardierung meiner Heimatstadt miterlebte, wurde mir zum ersten Mal klar, was ich für ein Schwein hatte, dass ich da nicht mit dabei war', erzählt Brann. Am 13. Februar 2012 wird sie 100 Jahre alt. Ihre Heimatstadt widmet ihr zurzeit eine Ausstellung mit Bildern, die sie im Exil gemalt hat. In Peru hatte sie in den 50er Jahren Kunst studiert, was ihr in ihrer Jugend von den Nationalsozialisten verwehrt worden war.
Ihr Leben sei ein sehr eigenartiges gewesen, sagt Brann, 'voller Glücksfälle im Unglück'. Nach ihrer Schulzeit in Dresden, wachsenden Repressionen durch die Nazis, die ihr erst das Studium, dann nach ihrer Fotografen-Ausbildung die Meisterschule verwehrten, nachdem die Synagogen gebrannt hatten und das Juweliergeschäft ihrer Familie enteignet worden war, folgte sie ihrem späteren Mann nach Bolivien, wo er als Elektroingenieur in einer Zinnmine Arbeit gefunden hatte. 'Da bin ich aus der Hölle rauskatapultiert worden', sagt Brann mit fester Stimme.
Brann sagt heute, sie habe früh gemerkt, dass ihre Familie 'da raus' müsse, doch die Verwandten hätten gedacht, das gehe wieder vorbei. 'Ich konnte meine Familie nicht überzeugen auszuwandern, als es noch möglich war, und dann war es zu spät', erzählt sie. Ihr Vater konnte ihr mit dem letzten Schiff nach Südamerika folgen, viele Verwandte aber fielen den Verbrechen der Nationalsozialisten zum Opfer.
Ihr eigenes neues Leben in Bolivien war alles andere als einfach: Nicht nur die Höhe auf über 4.000 Meter machte ihr zu schaffen, sondern auch die Kargheit des Lebens. 'Das hat mich Europa vergessen lassen, weil es alle Kräfte in Anspruch nahm, sich dort anzupassen.' 1952 mussten Irene Brann und ihr Mann Fritz nach Arbeiterrevolten auch ihre neue Heimat verlassen. In Lima, Peru, nahm Irene Brann mit 41 Jahren ein Kunststudium auf.
Seitdem malte sie. An die 100 Bilder sind im Laufe der Jahrzehnte entstanden. Verkauft habe sie kein einziges, das habe sie finanziell nie nötig gehabt, 'und ich hing sowieso zu sehr an meinen Bildern'. Erst 2010, mit 98, stellte sie zum ersten Mal aus, in einer kleinen Galerie in Graubünden. In die Schweiz waren die Branns 1970 übergesiedelt - als Kompromiss: Fritz Brann wollte nach Deutschland zurück, seine Frau weigerte sich. 'Heute würde ich darüber anders denken, aber damals hatte ich noch das Gefühl: Vielleicht sind da noch Leute, die meine Leute umgebracht haben', sagt sie.
Ihr Mann starb 1986, seitdem lebt Irene Brann allein in einem kleinen Graubündner Dorf. Ihre Ausstellung dort besuchte vor einem guten Jahr auch eine Dresdnerin - sie regte bei der Stadt an, die Werke auch in Dresden zu zeigen. Bis zum 16. März wird nun eine Auswahl von Branns Bildern im Dresdner Kulturrathaus präsentiert: farbenfrohe Darstellungen von Indio-Frauen, Landschaften, Stillleben mit Blumen, aber auch abstrakte Malerei. Selbst besuchen wird Brann die Ausstellung nicht. Sie wolle sich den Strapazen nicht mehr aussetzen, sagt die 99-Jährige.
Es sei ein besonderes Gefühl, dass ihre Bilder jetzt in Dresden gezeigt werden, sagt Brann. Auf ganz eigenartige Weise schließe sich ein Kreis. Heimweh nach Dresden habe sie nie gehabt, 'dafür war keine Zeit in meinem aufgeregten Leben'. Doch als sie bei ihrem ersten Besuch 1985 sah, wie wenig von der Stadt ihrer Jugend übrig war, sei ihr das doch sehr nahe gegangen, erzählt Brann, die den sächsischen Zungenschlag bis heute nicht verloren hat. 'Es hat mich wahnsinnig aufgeregt, in welchem Zustand ich Dresden dann gesehen habe.' Vor allem die Frauenkirche: 'Ausgerechnet dort' war sie knapp 20 Jahre vor der Zerstörung konfirmiert worden.
Davor, dass die Neonazis seit einigen Jahren das Gedenken an den 13. Februar mit Aufmärschen für ihre Zwecke missbrauchen, graust ihr. So habe das in den 20er Jahren auch angefangen, sagt Brann. Das müsse man irgendwie in den Griff kriegen. 'Aber die meisten Deutschen haben ja aus dem 20. Jahrhundert gelernt', ist sie überzeugt.
dapd


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