Hannover (dapd-nrd).
Doch der Obdachlose will nicht. Gefragt, ob er denn nicht eine Suppe möchte, wimmelt er ab: 'Ich habe gerade gegessen, keinen Hunger.' Dann läuft er weiter im Kreis, diesmal andersrum.
'Den kennen wir schon', sagt Peter Matthiesen im roten und reflektierenden Johanniter-Outfit. 'Er möchte lieber allein gelassen werden', erklärt er. Der Mann warte darauf, dass die Station für Fußgänger geschlossen wird. Von 22.00 bis 6.00 Uhr schlafen hier sieben Wohnungslose. Noch muss er frieren.
Seit November drehen zwei Johanniter mit dem Kältebus immer dieselbe Runde durch die Innenstadt. Dienstags und donnerstags wechselt sich ein Team aus rund zehn Freiwilligen ab. 'Je nachdem, wie es sich mit dem Job vereinbaren lässt', sagt Matthiesens Kollege Mike Brünig. Er wartet neben dem Bus und zittert ebenso wie der Obdachlose.
'Heute läuft es schlecht', sagt er. Eine große Wolke gefrierenden Atems weht in den offenen Kofferraum des Busses. Eine 20-Liter-Warmhaltekanne mit Pfefferminztee steht da bereit. Literweise heißer Hühner-Reistopf. Eine Kiste voll mit neuen Socken, daneben Wollmützen, Handschuhe, Thermohemden und zwei Schlafsäcke.
Zuerst waren sie an der Lutherkirche. Eine halbe Stunde haben sie gewartet, aber es kam niemand vorbei. 'Es ist Monatsbeginn, da haben alle Geld', sagt Brünig. Dort kommen meistens einsame Menschen vorbei, die zwar eine Wohnung, aber niemanden zum Reden haben. Bei der zweiten Station hinterm Hauptbahnhof kam auch niemand. Nur eine Polizeistreife, die 'jemand gesucht' hat. Aber die Beamten hatten keine Zeit für eine Suppe.
Eine Portion bringen die beiden Johanniter an der besagten U-Bahn-Station Kröpcke aber doch noch an den Mann. Er sei gerade 50 geworden, sagt er und lässt den Teller Suppe in der Hand kalt werden. Er möchte lieber erzählen: 'Ich schlafe nur tagsüber. In einem Zelt.' Seine Nase läuft, kleine Tröpfchen verfangen sich im Bart. 'Not macht erfinderisch', sagt er. Nach einer Weile ist der Plastikteller ausgelöffelt. Der Mann grüßt fröhlich und eilt davon in die Dunkelheit. Vorbei an Schaufenstern voll Wintermode.
Noch ein zweiter Mann kommt zum Kältebus. Rolf stellt sich als Flaschensammler vor. Auch er ist 50. 'So drei Euro habe ich heute verdient. Wenn Fußball oder Eishockey ist, kommt leicht das Doppelte rum', sagt er. Die Kälte sei kein Problem. 'Ich laufe viel', erzählt er. Für Pausen zwischendurch gebe es ja soziale Einrichtungen, wo man Kaffee bekommt. Oder Imbisse, wo man auch fernsehen kann.
Auf einen Schnack bei Tee und Zigarette kommt Rolf immer gern zum Bus. Später schläft er dann in der U-Bahn-Station. Bis es soweit ist, möchte er wie jeden Abend ein paar Straßen weiter noch ein paar Flaschensammler treffen. 'Mal hören, was der Tag so gebracht hat.' Johanniter Mathiessen fragt, ob sie mit dem Bus mal zu diesem Treffpunkt kommen sollen. Doch es stellt sich heraus, dass dort nicht geparkt werden kann. Mit ein paar Thermohemden zieht Rolf los: 'Das muss ich den Jungs mal alles bringen.'
Die Route des Kältebusses hat sich seit der ersten Fahrt 2008 schon öfters geändert. 'Eine Weile sind wir rausgefahren an den Stadtwald', erinnert sich Brünig. Dort habe sich damals eine Gruppe in einer Hütte eingerichtet. Doch sie wollten keine Suppe. 'Man muss sie nehmen, wie sie kommen', sagt Brünig. Ein Trio obdachloser Jugendlicher hingegen habe am Hauptbahnhof immer Scherze getrieben. 'Vielleicht sind sie weitergezogen - oder sie haben den Absprung geschafft, das hoffe ich', sagt er.
Seine schönste Fahrt mit dem Kältebus zaubert ihm ein Lächeln auf das fröstelnde Gesicht: 'Da hatten wir 20 Mann am Bus, und alle wollten Nachschlag.' Nach dreistündigem Einsatz packen die Johanniter zusammen, es kommt niemand mehr. 'Nächste Woche sind wieder mehr da', sagt Brünig und dreht die Heizung im Kältebus auf.
dapd


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