Die Rückkehr des Meißner Landschweins: Das Mahl besteht aus gequetschtem Kürbis. Es wird mit lautem Grunzen und Schmatzen verzehrt. Sind die Futtertröge geleert, legen sich das Mutterschwein und das gute Dutzend Ferkel im Stall des Vierseithofs in dem Dorf Mettelwitz bei Meißen wieder zur Ruhe.
Vergrößern Die Rückkehr des Meißner Landschweins | Bild: © dapd

Mettelwitz (dapd-lsc). Den Nachwuchs hält es allerdings nicht lange an einem Fleck: Während die Sau im Koben liegt, drängen und schieben sich die Ferkel quietschend übereinander, um an ihre Zitzen zu gelangen.

Die Szene auf dem Hof von Rolf Merzdorf könnte aus dem vorletzten Jahrhundert stammen. Auf dem 1867 gebauten Hof, der in sechster Generation im Familienbesitz ist, wurde Ende des 19. Jahrhunderts eine Tradition der Schweinezucht mitbegründet, die das Meißner Land weithin bekannt machte.

Die Bauern begannen damals, durch Einkreuzungen englischer Rassen das bis dahin gehaltene Landschwein zu veredeln, das äußerlich noch sehr an Wildschweine erinnerte. Weil die Bevölkerung rasant wuchs, wurden nicht nur wesentlich mehr Tiere benötigt, sondern auch solche mit deutlich verbesserten genetischen Eigenschaften.

Das Ergebnis war eine neue Rasse, das Meißner Landschwein. Nachdem es auch auf Agrarschauen ausgestellt wurde, heimste es zahlreiche Preise ein. Eine der ersten Urkunden bewahrt Merzdorf neben vielen späteren Auszeichnungen im Flur seines Hauses auf. 75 Mark, so ist auf dem reich verzierten Dokument zu lesen, erhielt einer seiner Vorgänger, der 1888 in Breslau einen ersten Preis gewann.

Mit der Ehrung würdigten die Experten ein 'frühreifes, frohwüchsiges, fruchtbares Landschwein', wie es später in der Fachliteratur hieß. Zu dessen Merkmalen gehören große Schlappohren, ein langer, tonnenförmiger Körper und glatte, weiße Haare.

Diese Beschreibung trifft auch auf die Tiere in Merzdorfs Stall zu, obwohl es sich genau genommen nicht mehr um Meißner Landschweine handelt, wie Hartmut Tischer betont. Die Rasse sei 'im strengen Sinn' in den 1930er-Jahren in anderen Landrassen aufgegangen, sagt der Fachmann vom Mitteldeutschen Schweinezuchtverband.

Dennoch bemühen sich Landwirte der Region seit einigen Jahren darum, an die große Tradition der Schweinezucht im Meißner Land anzuknüpfen. In ihren Ställen stehen Tiere, denen die Verwandtschaft zum Meißner Landschwein deutlich anzusehen ist. Exakt 120 Jahre nach Gründung der ersten Zuchtgenossenschaft im Jahr 1888 wurde 2008 eine Zucht- und Vermarktungsgemeinschaft ins Leben gerufen, die Tischer leitet.

Nach dreijähriger Arbeit beteiligen sich bereits zehn Bauernhöfe an der Zucht, die langsam erweitert wird. Im großen Stil und um jeden Preis solle sie nicht wachsen, betont Tischer: Das Meißner Schwein, das durch Ohrmarken mit eigens entworfenen Signet als solches ausgewiesen ist, bleibe vorerst eine kulinarische Rarität, die zur Region gehören solle wie das Porzellan aus der Meißner Manufaktur, sagt Tischer.

Derzeit hängen geräucherte Schinken und andere Produkte nur in drei Fleischereien in Meißen, Triebischtal und Torgau. Spezialitäten vom Meißner Schwein kommen zudem in einigen Restaurants der Region auf den Tisch. Genießer merkten, dass sie etwas Besonderes auf dem Teller haben, berichtet Merzdorf: Bei Verkostungen gerieten die Teilnehmer regelmäßig ins Schwärmen. Das wollen sich die Meißner Schweinezüchter auch schwarz auf weiß bescheinigen lassen: Noch im ersten Quartal 2012 soll eine eigens in Auftrag gegebene wissenschaftliche Studie zur Fleischqualität vorliegen.

Bis dahin werden Kürbisse, Rüben und Kraftfutter dafür gesorgt haben, dass die Ferkel aus Rolf Merzdorfs Stall gehörig gewachsen sind. In einem guten Jahr werden sie es auf stolze 200 Kilogramm bringen. Dann werden sie zu Schinken, Würsten oder Koteletts verarbeitet.

Über die Produkte habe es bisher nur eine Beschwerde gegeben, die freilich ein verkapptes Lob gewesen sei, berichtet Tischer: Die Koteletts, so habe man in einem Lokal angemerkt, seien derart groß, dass sie kaum auf den Teller passten.

dapd