Die neuen Wutbürger von Mainz: Umweltdezernentin Katrin Eder brachte es auf den Punkt: 'In einer Viertelstunde spielt Mainz 05, und noch keiner hat den Saal verlassen', sagte die Grünen-Politikerin am Dienstagabend in der Mainzer Rheingoldhalle. Wenn in Mainz etwas über den Fußball gestellt wird, muss es tatsächlich wichtig sein: Rund 400 Mainzer waren zur Einwohnerversammlung zum Thema Fluglärm gekommen.
Vergrößern Die neuen Wutbürger von Mainz | Bild: © dapd

Mainz (dapd-rps). Umweltdezernentin Katrin Eder brachte es auf den Punkt: 'In einer Viertelstunde spielt Mainz 05, und noch keiner hat den Saal verlassen', sagte die Grünen-Politikerin am Dienstagabend in der Mainzer Rheingoldhalle. Wenn in Mainz etwas über den Fußball gestellt wird, muss es tatsächlich wichtig sein: Rund 400 Mainzer waren zur Einwohnerversammlung zum Thema Fluglärm gekommen, das Thema brennt auf den Nägeln.

Seit der Eröffnung der neue Landebahn am 21. Oktober leidet vor allem der Süden der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt unter dem Lärm von oben. 'Er macht krank, er macht Wohnen und Schlafen unmöglich', betonte Eder, deshalb gelte: 'Wir stehen alle auf gegen Fluglärm.'

Rund acht Bürgerinitiativen (BI) präsentierten sich am Dienstagabend bei der Einwohnerversammlung in der Mainzer Rheingoldhalle, manche davon erst wenige Wochen alt: 'Wir gehören zu den Spätaufstehern', bekannte Jochen Schrauth von der BI in der Mainzer Oberstadt. Vor fünf Wochen gründete sich die BI. Jetzt zählt sie schon 1.500 Mitglieder. 'Das war der Schock, der Schrecken und die Angst, was auf uns zukommt', sagte Schrauth. Und ein weiteres Mitglied aus der Oberstadt meinte: 'Wir sind stinkwütend, wir sind richtig beschädigt.'

Schon vor der Tür wurden Karten gewälzt und Unterschriftslisten umlagert. 'Hier, die ganzen schwarzen Punkte, das ist Lärm', sagte ein Mainzer, und fügt hinzu: 'Ich bin Laubenheimer.' Was das bedeutet, machte Irmgard Beck deutlich: 'Wir haben nächtelang nicht richtig geschlafen', berichtete die Laubenheimerin. Man reagiere 'ganz körperlich' auf den bedrohlichen Fluglärm. 'Wie krank muss ich werden, damit ich irgendwelchen Schutz bekomme?' wollte sie wissen.

Die Zahlen dazu lieferte Horst Weise vom Deutschen Fluglärmdienst, einer privaten Vereinigung, die den tatsächlichen Fluglärm sichtbar machen will. Bereits seit März werde deutlich tiefer geflogen, seit dem Oktober gebe es sogar in 50 Kilometer Entfernung vom Flughafen Flugzeuge, die 4.000 Fuß tief flögen. Mit der neuen Landebahn würden zusätzlich 300 Quadratkilometer mit Lärm überzogen. 'Es wird die ganze Region zugemüllt,' sagte Weise.

Auch die Historie wurde noch einmal aufgerollt. 'Berichten will ich vom Kampf der Landeshauptstadt Mainz gegen den Fluglärm, den sie seit zehn Jahren führt,' sagte der Anwalt der Stadt Mainz, Martin Schröder, in beinahe schon epischen Worten. Schröder bedauerte, alle Klagen seien bisher erfolglos gewesen. Nun setzt er darauf, den Gerichten nachzuweisen, dass von der neuen Landebahn echte Gefahren ausgehen, etwa durch den Vogelschlag. Ziel sei die Einschränkung des Flughafenbetriebs bis hin zur Einstellung des Betriebs der neuen Landesbahn. 'Ja, auch das ist möglich,' sagte Schröder, 'aber nicht wahrscheinlich.'

Infrastruktur-Staatssekretär Jürgen Häfner verwies auf die Gutachten des Landes zu Anflugverfahren, auf Luftmessstationen, auf den Sitz in der Task Force des Landes Hessen, und die Unterstützung von fünf Kommunen bei Klagen. Mehr Applaus bekam er für die gemeinsame Bundesrats-Initiative mit dem Land Hessen zur Änderung der Prioritäten bei Flugroutenentscheidungen: Wenn Hessen da mitziehe, werde das 'politische Wirkung entfalten', sagte Häfner. Die Mainzer Dezernentin Eder konterte, da bleibe 'eine gesunde Skepsis' gegen den hessischen Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP).

Seit mehr als 15 Jahren versuche seine BI schon, mit sachlichen Argumenten Gehör zu bekommen, sagte der Sprecher des Arbeitskreises Fluglärm aus dem Stadtteil Lerchenberg, Dietrich Elsner: 'Man hat uns nicht verstanden.' Vom Land forderte er, 'schleunigst eine eigene Fluglärmpolitik zu definieren und umzusetzen.' Wirklich helfen könne aber nur noch eines: 'Wir müssen solange demonstrieren, bis Abhilfe geschaffen wird', sagte er, und rief zu den Montagsdemonstrationen im Flughafen-Terminal auf. Am kommenden Montag, den 19. Dezember, wollen sie noch einmal lärmen - und dann vom 16. Januar an auch im kommenden Jahr. Für den 4. Februar 2012 ist eine Großdemonstration geplant - die Mainzer Wutbürger werden eher mehr, denn weniger.

dapd