Berlin (dapd-bln). Eigentlich hätte der 50 Jahre alte Busfahrer ab 4.00 Uhr am Steuer eines Busses der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) sitzen sollen. Stattdessen schneidet er am Vormittag am BVG-Betriebshof in Wilmersdorf Brötchen für Grillwürstchen auf - als Stärkung für die streikenden Busfahrer. Auf den Bus von Lothar Unruh warten an diesem Tag Dutzende Fahrgäste vergeblich. Bei der BVG wird gestreikt, und in der Hauptstadt geht es deswegen notgedrungen gemächlicher zu.
Martin Schlecht gibt sich als verständnisvoller Fahrgast. Der 27-Jährige sitzt auf einer Bank am S- und U-Bahnhof Zoologischer Garten und kann das Anliegen der Gewerkschaft ver.di durchaus nachvollziehen, die in den laufenden Tarifverhandlungen zu dem Warnstreik aufgerufen hatte.
Allerdings brauchte Schlecht für seinen Weg von Neukölln zum Wittenbergplatz nach eigenen Angaben 'fast eine Stunde länger'. Und weil er von dort seine Schwester am Nachmittag abholen sollte, 'lohnt es sich nicht mehr nach Hause zu fahren', sagt der 27-Jährige. Im Internet habe er deshalb nach einem Hallenbad gesucht, das an der S-Bahn-Strecke liegt.
Der Warnstreik behindert den öffentlichen Nahverkehr in der Hauptstadt erheblich. Von 4.00 bis 19.00 Uhr bleiben Busse, U-Bahnen und Straßenbahnen im Depot. Lediglich die S-Bahn hält den Verkehr aufrecht. Rund 5.000 BVG-Beschäftigte legen laut ver.di ihre Arbeit nieder.
Die U-Bahnhöfe sind mit Gittern versperrt. Auf den digitalen Fahrplananzeigen von Bus und Straßenbahn wird auf den Ausstand hingewiesen. 'Die BVG wird von ver.di bestreikt', steht dort geschrieben, als wollte das landeseigene Unternehmen sagen: Wir sind nicht schuld, dass der Betrieb ruht.
'Wir kämpfen nicht gegen die Fahrgäste, sondern gegen die Arbeitgeber', sagt ver.di-Verhandlungsführer Lothar Andres. Mindestens 2,3 Prozent mehr Reallohnzuwachs will die Gewerkschaft pro Jahr durchsetzen. 'Wir wissen sehr wohl um die Finanzlage der Stadt.' Im vergangenen Jahr habe der BVG-Vorstand steigende Fahrgastzahlen und Einnahmen verkündet, begründet Andres die Forderung. 'Miete ist teurer geworden, Sprit ebenfalls', listet Busfahrer Hendrik Gierloff auf. 'Es ist leider nicht so, dass wir immer mit dem Bus zur Arbeit fahren können.'
Derweil sorgt der Ausstand zum Beispiel auf dem Alexanderplatz für ein ungewohntes Bild: Es sind weniger Menschen unterwegs als üblich an einem Samstag. 'Es ist total ruhig heute', berichtet eine Brötchenverkäuferin und scheint nicht glücklich darüber zu sein. 'Es fehlt die Kundschaft.'
Nicht voller als sonst sind viele Busse der privaten Stadtrundfahrt-Anbieter. 'Die BVG-Kunden weichen nicht auf uns aus', erklärt Frank Zander, Fahrer und Verkäufer der Berliner Bärenstadt-Rundfahrt. Dafür kämen viele Anhänger des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund zu den Doppeldeckerbussen.
Die Dortmunder sollten am Nachmittag im Olympiastadion gegen Hertha BSC spielen, weshalb Fahrgäste in den S-Bahnen zusammenrücken mussten. Schätzungen gehen allein von 20.000 Dortmunder Fans aus. Darunter sind Tim, Gerold, Stephan und Kirsty aus Emlichheim in der niedersächsischen Grafschaft Bentheim. 'Wir können Berlin leider nur fußläufig erkunden', bedauern die jungen Borussia-Anhänger. 'Der Streik ist wohl extra organisiert worden, weil wir Dortmunder Fans in Berlin sind', sagen sie scherzend.
Andere gewinnen dem Streik durchaus gute Seiten ab. 'Ich hatte mehr Fahrgäste', resümiert Taxi-Fahrer Solomon Quaye. 'Wenn das so weiter geht, könnte von mir aus öfter gestreikt werden.'
dapd


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