Politik
Deutschlands - (Wochenendzusammenfassung) Migranten als Lehrer gesucht - Forscher wollen mehr Pädagogen aus Zuwandererfamilien - Sozialer Zwiespalt für Migrantenkinder wächst --Von Christiane Jacke--
28.06.09 | 16:10 UhrBerlin (ddp) Deutschlands Schulen brauchen nach Auffassung von Bildungsforschern mehr Lehrer aus Zuwandererfamilien.
Berlin (ddp). Deutschlands Schulen brauchen nach Auffassung von Bildungsforschern mehr Lehrer aus Zuwandererfamilien. Anders sei die Benachteiligung von Migrantenkindern im Bildungssystem nicht zu überwinden, sagte der Berliner Bildungswissenschaftler Jörg Ramseger. «Wir können Menschen nicht unterrichten und erziehen, wenn wir ihre Sprache nicht sprechen», betonte er. Auch der Bildungsforscher Klaus Klemm appellierte an die Politik, sich mehr um Pädagogen mit Zuwanderergeschichte zu bemühen. Sie seien sensibilisiert für all die sozialen Konflikte zwischen Schule und Familie, mit denen Migrantenkinder konfrontiert seien. Diese Konflikte nehmen nach Einschätzung von Psychologen zu.
Ramseger kritisierte, das deutsche Schulsystem gehe nicht auf die Herkunft von Migrantenkindern ein, sondern versuche, sie «deutsch zu machen und einzudeutschen». Es sei aber falsch, den kulturellen Hintergrund eines Kindes auszublenden oder für «minderwertig» zu erklären.
Der Berufsverband Deutscher Psychologen mahnte, Migrantenkinder und ihre Familien stünden vor immer größeren Herausforderungen. Insbesondere der Versuch, sich in die Gesellschaft zu integrieren und gleichzeitig an den kulturellen Wurzeln festzuhalten, gestalte sich für viele schwierig, sagte der Hamburger Psychologe Haci-Halil Uslucan. «Häufig sehen insbesondere muslimische Eltern die komplette Assimilation ihrer Kinder an deutsche Lebensverhältnisse als ihre größte Sorge an, denn sie befürchten dabei eine völlige kulturelle und religiöse Entfremdung ihres Nachwuchses», betonte der Wissenschaftler. Für die Kinder wiederum ergebe sich ein Balanceakt zwischen unterschiedlichen erzieherischen Impulsen.
Ramseger betonte, Lehrer aus Zuwandererfamilien könnten hier als «Kulturvermittler» und «Übersetzer» zwischen Schule und Familie eingreifen. Wie viele Lehrer aus Zuwandererfamilien bislang an deutschen Schulen arbeiten, ist unklar. Genaue Zahlen fehlen. Schätzungen zufolge sind es nur ein Prozent der Lehrerschaft.
Nach Auffassung von Ramseger ist das viel zu wenig. Schuld seien unter anderem hohe Eingangshürden in den Beruf. Es sei ein Problem, dass viele Migranten die deutsche Schriftsprache nicht «absolut perfekt» beherrschten und allein deshalb am Lehramtsexamen scheiterten. Solche Defizite könnten durch die Arbeit in Lehrerteams jedoch aufgefangen werden. Ramseger sagte, grundsätzlich sei der Anteil von Migranten unter Abiturienten und Studenten noch zu niedrig. Auch das mindere die Zahl potenzieller Nachwuchslehrer.
Der Bildungsforscher forderte, Jugendliche aus Migrantenfamilien durch eine offensive Werbung in Schulen für den Lehrerberuf zu gewinnen. Außerdem müsse es mehr Zuwanderer auf Schulleiterposten geben, um Aufstiegschancen aufzuzeigen. Bislang erweise sich das deutsche Bildungssystem jedoch als «sehr unbeweglich», sagte er. Es gebe «Hemmschwellen und Berührungsängste» gegenüber Neuerungen und die Politik liefere oftmals reine «Lippenbekenntnisse».
Auch Klemm warf Bund und Ländern vor, in dieser Frage nichts als «Verbal-Politik» zu betreiben. Sie müssten Migranten endlich von klein auf fördern. Anders sei das Nachwuchsproblem nicht zu lösen.
(Quellen: Ramseger und Uslucan in ddp-Interviews; Klemm auf ddp-Anfrage)
ddp/chj/pon
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