Berlin (ddp). Der Fall der Berliner Mauer begann nach Meinung der Historiker am 2. Mai 1989 in Ungarn. An diesem Tage durchschnitten Soldaten bei Köszeg den Stacheldrahtzaun an der Grenze nach Österreich. In den «Eisernen Vorhang», der den Osten Europas hermetisch vom Westen abtrennte, war die erste Bresche geschlagen.
Die bereits schwer angeschlagene Führung der DDR zeigte sich beunruhigt, weil sich damit ihren Bürgern ein Schlupfloch für eine Flucht in den Westen zu öffnen schien. Noch versuchte Verteidigungsminister Heinz Keßler am 4. Mai die zu einer Sondersitzung zusammengekommenen Mitglieder des SED-Politbüros zu beruhigen. Nach einer Mitteilung aus Budapest, erklärte er, handele es sich «lediglich um technische Maßnahmen». Die eigentlichen Grenzkontrollen seien davon nicht betroffen. DDR-Bürger würden auch künftig daran gehindert, illegal die Grenze nach Österreich zu überschreiten.
Doch die im innersten Machtzirkel der DDR versammelten Männer, angefangen von Generalsekretär Erich Honecker über Stasi-Minister Erich Mielke bis hin zum Ostberliner SED-Bezirkschef Günter Schabowski, verschlossen wieder einmal vor der Realität die Augen und schönten sich die Lage zurecht. Dabei hatte Ungarn mit diesem Akt nichts Geringeres getan, als die Solidarität der sozialistischen Staaten bei der Abriegelung ihres Herrschaftsbereichs aufzukündigen. Ungarn strebte nun offen eine enge Zusammenarbeit mit dem Westen an.
Am 27. Juni 1989 erfolgte der nächste Schritt, der sich wiederum zu einem Hieb gegen die Mauer in Berlin auswuchs. Der ungarische Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock zerschnitten in einem symbolischen Akt den Stacheldrahtzaun eines weiteren Grenzabschnitts. Eine erneute Fluchtwelle von DDR-Bürgern über Ungarn in den Westen war die Folge.
Ungarns Reformkommunisten, die im Frühjahr in maßgebende Positionen gelangt waren, «strebten nach einer wirtschaftlich weichen Landung in der nichtsozialistischen Welt, hofften auf Kredite aus westlichen Ländern, in denen über Hilfspakete für Osteuropa diskutiert wurde», kommentierte der Harvard-Historiker Charles S. Maier die Vorgänge in Ungarn. «Die Bundesrepublik sollte bei der Beförderung dieser Entwicklungen eine entscheidende Rolle spielen.»
Wie ein Funke am Pulverfass wirkte dann am 19. August 1989 die kurzzeitige Öffnung eines Grenztores bei Sopron während eines von ungarischen Oppositionsgruppen organisierten «Paneuropäischen Frühstücks». 600 DDR-Bürger, wie viele Tausende Ostdeutsche auf Urlaub in Ungarn, nutzten die Gelegenheit zur Flucht in den Westen. Die nach der Schließung des Tores Abgewiesenen strömten in die westdeutsche Botschaft nach Budapest. Andere Ostdeutsche, die kein Visum für Ungarn erhalten hatten, fuhren nach Prag oder Warschau, um hier massenhaft in den Botschaften Bonns um Asyl nachzusuchen.
In der Nacht zum 11. September 1989 öffnete Ungarn schließlich alle seine Schlagbäume in Richtung Österreich. Die Grenze, teilte Außenminister Horn mit, sei nun auch für DDR-Bürger in Richtung Westen dauerhaft passierbar. Ungarns Politiker, so wiederum der Historiker Maier, «mussten realisiert haben, dass dies wie keine andere Geste Ungarns Bindung an westliche Werte demonstrieren würde».
Bereits innerhalb der ersten zehn Tage überschritten 18 000 ihrer Führung überdrüssige ostdeutsche «Urlauber» die Grenze und reisten in die Bundesrepublik weiter. Die Mauer in Berlin, die am 9. November fiel, war damit endgültig in Frage gestellt.
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