Winnenden/Berlin (ddp-bwb). Der Gewaltforscher Frank Robertz ist äußerst besorgt. «Seit rund zehn Jahren haben Amokläufe an Schulen weltweit drastisch zugenommen», sagte er der Nachrichtenagentur ddp. Der erste Amoklauf an einer Schule geschah am 30. Dezember 1974 in Olean im US-Bundesstaat New York. Seitdem seien mehr als 100 Schul-Amokläufe weltweit verzeichnet worden. Rund zwei Drittel davon gab es jedoch seit 1999.
Bis 2006 - soweit reicht die statistische Auswertung - waren es insgesamt 99 Schul-Amokläufe - davon 74 in den USA, 6 in Deutschland, 6 in Kanada und 13 weitere, die «sehr gleichmäßig über die Welt verteilt» seien. Das Durchschnittsalter der Täter liege bei 15,9 Jahren. Nur vier der Amokläufe an Schulen seien von Mädchen begangen worden, sagt Robertz. Der Wissenschaftliche Leiter des Instituts für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie in Berlin untersucht seit Jahren systematisch die Hintergründe von Amokläufen weltweit.
Besorgniserregend sei auch ein Ländervergleich: Wenn man sich die Größe und Bevölkerungszahl der betroffenen Staaten betrachte, sei man in Deutschland schon jetzt bei einem Drittel der Taten der USA und schon deutlich über jenen in Kanada angelangt, weil dort die Bevölkerungszahl viel höher sei als in Deutschland. Interessant sei gleichzeitig, dass generell die Zahl von Tötungsdelikten Jugendlicher in den USA und Deutschland seit 1993 konstant zurückgegangen sei, während die Amok-Exzesse zugenommen hätten.
Das Jahr 1999 gilt als Fixpunkt in der Forschung über Amokläufe. Denn am 20. April 1999 erschossen zwei Teenager an der Columbine High School in der Kleinstadt Littleton (US-Bundesstaat Colorado) zwölf ihrer Mitschüler und einen Lehrer, bevor sie sich selbst richteten. Damals seien erstmals «die Bilder der Überwachungskameras um die Welt gegangen», sagte Robertz.
Der Amokläufer von Emsdetten hat sich bei seiner Bluttat an dem Columbine-Massaker orientiert und einen der Attentäter als sein Idol - gar als «Gott» - bezeichnet. Im November 2006 hatte an der Geschwister-Scholl-Realschule im münsterländischen Emsdetten ein 18-jähriger ehemaliger Schüler um sich geschossen. Er zündete Rauchbomben, verletzte eine Lehrerin, zehn Schüler sowie mehrere Polizisten, bevor er sich selbst tötete.
Auffallend sei, «dass Amokläufe dann passiert sind, wenn über vorangegangene Amoktaten sehr stark von den Medien berichtet wurde», sagt Robertz. Der Grund: Die Gewaltfantasien anfälliger Jugendlicher könnten dadurch gerade «in diese Richtung geleitet' werden. Nach dem Amoklauf von Winnenden werde es deshalb «mit Sicherheit neue Amokläufe an deutschen Schulen geben», befürchtet der Kriminologe. Ein Grund liege «bei den Jugendlichen in der Schule, wo ein Klima geschaffen wird, das solche Taten begünstigt und wo auch keine vernünftige Prävention geschieht». Da sei bislang viel «heiße Luft» produziert worden, rügt Robertz.
«Solche Taten geschehen aber nicht von heute auf morgen, sondern nach einem sehr langen Prozess», gibt der Gewaltforscher zu bedenken. Potenzielle Täter bewegten die Überlegungen über Monate oder Jahre hin und her und verfeinerten ihre Tatpläne. Zum Beispiel müssten sie erst einmal «die Fremd- und Selbsttötungshemmung überwinden». Der Tattag als solcher habe dann «in der Regel eine individuelle Bedeutung» für den Täter. Entweder er beziehe sich auf Jahrestage anderer Amokläufe oder auf eigene schlimme persönliche Erfahrungen.
ddp/dmu/kos

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