München (ddp-bay). Rund 14 Monate nach seiner Festnahme ist der Betrüger und Erpresser der Milliardärin Susanne Klatten, Helg S., am Montag in München zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Über die Vorwürfe gegen den Schweizer war seit Monaten so viel bekannt wie selten vor einem Prozess: Bereits im November veröffentlichte ein italienisches Magazin die Vernehmungsprotokolle der betroffenen Frauen. Die Nachrichtenagentur ddp zeichnet die wichtigsten Stationen des Falls nach:

9.12.2005: Marie Lusie H. lernt zusammen mit ihrem Ehemann Helg S. im Grand Hotel Quellenhof in Bad Ragaz (Schweiz) kennen.

Anfang 2006: Der Schweizer erzählt Marie Lusie H. von einem Unfall in der USA, bei dem ein Kind schwer verletzt worden sei. Nun sehe er sich Schadenersatzforderungen ausgesetzt.

9.3.2006: H. überreicht S. in einem Münchner Hotel 100 000 Euro in einer Blechdose.

30.5.2006: H. zahlt an Helg S. in dem Hotel erneut 100 000 Euro.

4.8.2006: H. überreicht S. in einem anderen Münchner Hotel weitere 400 000 Euro.

Ende Januar 2007: In einem Passauer Hotel zeigt Helg S. Marie Lusie H. Aufnahmen von intimen Kontakten. Diese seien angeblich in den Besitz der italienischen Mafia gekommen, die nun 1,5 Millionen Euro fordere.

9.2.2007: H. übergibt Helg S. am Bahnhof in Bad Ragaz einer Plastiktüte mit 2,43 Millionen Schweizer Franken (etwa 1,5 Millionen Euro).

Mitte/Ende Juni 2007: Elfriede R. lernt im Gesundheitszentrum Lanserhof in Tirol Helg S. kennen und beginnt mit ihm eine Beziehung.

22.6.2007: Monika S. lernt Helg S. im Lanserhof kennen und bald auch lieben. Einige Tage später reisen beide zusammen nach Rom.

Juli 2007: Helg S. lernt im Lanserhof Susanne Klatten kennen und behauptet, sich in sie verliebt zu haben. Sie verhält sich aber zunächst distanziert.

Mitte Juli 2007: Helg S. berichtet Monika S. bei einem Treffen in Kitzbühel, er habe in Bologna einen Unfall verursacht, bei dem ein Kind verletzt worden sei. Die italienische Mafia verlange von ihm drei Millionen Euro. 300 000 Euro fehlten ihm noch.

20.7.2007: Helg S. erzählt R. bei einem Treffen in Achenkirch (Österreich) von einem Unfall, bei dem ein Kind verletzt worden sei, das seither im Koma liege.

26.7.2007: Monika S. übergibt Helg S. am Münchner Isartor in einer Plastiktüte 300 000 Euro - als Darlehen.

17.8.2007: Helg S. sucht Klatten an ihrem Ferienort in Südfrankreich auf. Sie kommen sich näher.

19.8.2007: Bei einem Treffen mit R. in München erzählt Helg S., die Unfallbeteiligten forderten von ihm drei Millionen Euro. Er benötige noch 800 000 Euro. R. lehnt aber eine Zahlung ab.

20./21.8.2007: Helg S. und Klatten treffen sich in einem Münchner Hotel. Unbemerkt fertigt er ein mehr als halbstündiges Video an.

26.8.2007: S. erzählt Klatten bei einem Treffen im oberbayerischen Schwaig, dass er in Miami einen Unfall verursacht habe, bei dem ein Kind verletzt worden sei. Um einen Prozess in den USA zu verhindern, benötige er Geld.

6.9.2007: S. berichtet Klatten noch einmal von seiner Not. Er müsse zehn Millionen Euro zahlen, drei Millionen könne er selbst aufbringen.

11.9.2007: In der Tiefgarage eines Münchner Hotels überreicht Klatten Helg S. in einem Karton sieben Millionen Euro, als Darlehen. Für die Summe verwenden sie den Begriff «seven up».

4.10.2007: S. zeigt Klatten ein Appartment in München, das weiteren heimlichen Treffen dienen soll. Dort fordert er von Klatten, seinen Lebensunterhalt durch eine Stiftungseinlage von 290 Millionen Euro zu finanzieren.

9.10.2007: Klatten beendet die Beziehung zu Helg S.

16.10.007: Helg S. gibt an der Rezeption des Lanserhofs einen Brief für Klatten ab, dem zwei kompromittierende Videoprints beiliegen.

2.11.2007: S. droht Klatten am Telefon, das Video von ihrem Treffen zu verbreiten. Er verlangt «sieben mal seven up», also 49 Millionen Euro.

12.11.2007: Der Schweizer ruft Marie Lusie H. an und droht, intime Fotos zu verbreiten, wenn sie nicht zwei Millionen Euro zahlt. Diese Forderung wiederholt er bei einem weiteren Anruf einige Tage später.

19.11.2007: H. schaltet ihren Anwalt ein.

12.12.2007: Klatten erhält per Post von Helg S. einen Brief samt DVD und acht Videoprints. S. reduziert seine Forderung auf 14 Millionen Euro.

Januar 2008: Klatten stellt Strafantrag gegen S. Am 14.1. wird er in Vomp in Tirol bei einer fingierten Geldübergabe festgenommen.

Februar 2008: In Italien wird ein mutmaßlicher Komplize des Schweizers festgenommen: Ernano B., Unternehmer und selbst ernannter Guru. Er soll die Aufnahmen erstellt haben.

März 2008: Helg S. wird nach Deutschland ausgeliefert.

Ende Oktober 2008: Nach monatelanger Geheimhaltung enthüllen italienische Medien erstmals den Namen des prominenten Erpressungsopfers Klatten.

3. Dezember 2008: Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Helg S.

9. März: Der Prozess beginnt vor dem Münchner Landgericht. Der Angeklagte legt ein Geständnis ab und wird noch am selben Tag zu sechs Jahren Haft verurteilt.

ddp/pje/ume/ple