Politik
Bundeswehr - (Wochenendzusammenfassung - Wiederholung vom Samstag) Härtere Gangart in Afghanistan - Bundeswehr seit Jahresbeginn allein in Kundus 30 Mal angegriffen - Schmidt auf Truppenbesuch --Von André Spangenberg--
14.06.09 | 10:07 UhrKundus (ddp) Die Bundeswehr richtet sich in Afghanistan auf eine härtere Gangart ein.
Kundus (ddp). Die Bundeswehr richtet sich in Afghanistan auf eine härtere Gangart ein. Die Gefechte mit Aufständischen hätten «eine neue Qualität» erreicht, auf die entsprechend reagiert werde, sagte der Parlamentarische Verteidigungsstaatssekretär Christian Schmidt (CSU) am Samstag zum Abschluss seines Truppenbesuches im nordafghanischen Kundus. Hier waren deutsche Soldaten allein seit Jahresbeginn 30 Mal mit Raketen auf das Lager oder direkt auf Patrouille angegriffen worden. Als Reaktion darauf wurde ein Großteil der in Mazar-i-Sharif stationierten Schnellen Eingreiftruppe QRF nach Kundus verlegt.
QRF-Kommandeur Hans-Christoph Grohmann sprach von einem deutlich anderen Vorgehen der militanten bewaffneten Kräfte. Allein in den vergangenen sechs Wochen seien die Soldaten in sieben Gefechte verwickelt worden. «Folgten die Angriffe bisher dem Prinzip 'Schießen und Weglaufen', gibt es jetzt Gefechte, bis eine Seite den Rückzug antritt», beschrieb Grohmann die Situation und fügte hinzu: «Und das sind nicht wir.»
Zugleich werde der Auftrag der ISAF-Truppen - der Schutz der Zivilbevölkerung - auch bei den zunehmend gewaltsameren Auseinandersetzungen sehr ernst genommen, betonte der Oberstleutnant. So habe er sich beim jüngsten Feuergefecht, das sich über Stunden hinzog und bei dem zwei deutsche Soldaten verwundet wurden, gegen einen Einsatz schwerer Waffen entschieden. Die Gefahr, dass unschuldige Zivilisten ums Leben kommen, sei zu hoch gewesen. Das sei bei der afghanischen Bevölkerung sehr gut angekommen, die sich für das umsichtige Vorgehen der Bundeswehr «ausdrücklich bedankt» habe.
Schmidt schloss nicht aus, dass vor den für August geplanten Präsidentschaftswahlen die Angriffe auf die Bundeswehr noch zunehmen könnten. Doch hätten die jüngsten Gefechte in Nordafghanistan gezeigt, dass die deutschen Soldaten auf solche Situationen vorbereitet und ausgerüstet seien und mit der gebotenen Entschlossenheit antworteten. Für Grohmann gehört dazu «auch das Töten» von bewaffneten Gegnern, die aus zunehmend besser organisierten Hinterhalten angriffen.
Schmidt wollte allerdings den Blickwinkel nicht allein auf die ständigen Attacken auf die Bundeswehr richten. «Die Situation ist bei weitem nicht nur geprägt durch die Anschläge», sagte der Staatssekretär unter Verweis auf den Polizeiaufbau und die Zurückdrängung des Mohnanbaus. Offiziellen Angaben zufolge sind mittlerweile sieben der neun unter deutscher Verantwortung stehenden Provinzen Nordafghanistans fast drogenfrei.
Der Grünen-Wehrexperte Winfried Nachtwei warnte davor, positive Beispiele als Beleg für eine grundsätzlich positive Entwicklung zu nehmen. «Was fehlt, ist eine Gesamtbilanz des Afghanistan-Engagements», sagte Nachtwei der Nachrichtenagentur ddp. Er forderte die Bundesregierung auf, bis zur nächsten Mandatsverlängerung dem Bundestag eine von unabhängigen Experten erstellte Analyse vorzulegen. «Nach acht Jahren ist es höchste Zeit, keine Inputbilanz, sondern eine Outputbilanz vorzulegen.» Auf deren Grundlage sollten dann die künftigen Schwerpunkte festgelegt werden. Ein Fokus dürfte dabei mit hoher Sicherheit der verstärkte Aufbau nationaler Polizeistrukturen in Afghanistan sein.
Zugleich sprach sich Nachtwei dafür aus, auch in Deutschland endlich Konsequenzen aus den Auslandseinsätzen der Bundeswehr zu ziehen und die zivile Komponente beim staatlichen Wiederaufbau stärker zu beachten. Dazu gehöre auch, mehr Polizeibeamte für Auslandseinsätze zu gewinnen und möglicherweise bei der Bundespolizei eine sogenannte Einsatzreserve mit hochqualifizierten Beratern zu schaffen.
ddp/spa/nik
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