Brauße - Vom Wertpapierbroker zum Würstchenbrater: Thomas Brauße steht nach seiner Entlassung am eigenen Grill am Frankfurter Messeturm Wenn sich in diesen Tagen die Pleite der US-Bank Lehman Brothers zum ersten Mal jährt, sind Geschichten wie die von Thomas Brauße offenbar sehr gefragt. Nicht nur hungrige Gäste, sondern auch die Medien stehen derzeit Schlange vor Braußes Würstchenbude in der Nähe des Frankfurter Messeturms. Am Sonntag in einer Woche ist er sogar zu Gast in der ARD-Polit-Talkshow «Anne Will».
Vergrößern Brauße - Vom Wertpapierbroker zum Würstchenbrater | Bild: ©

Ein gefeuerter Wertpapierbroker, der nun Würstchen grillt, taugt zum Gesicht der Finanzkrise. «Ich denke, ich werde wohl dazu aufgebaut», sagt Brauße und verzieht das Gesicht ein wenig. Er hege keinen Groll gegen die Finanzbranche, sie habe ihn 27 Jahre lang ernährt. Nur: Was er jetzt mache, sei «greifbarer, etwas Realeres».

Braußes Bus glänzt silbern in der Vormittagssonne. Eine Seite des alten MAN-Fahrzeugs hat er mit Blech beschlagen und innen einen Würstchengrill, eine Fritteuse und Kühlschränke einbauen lassen. «Einstieg» steht über der einen, «Ausstieg» über der anderen. Sie liegen dicht aneinander. Thomas Brauße ist ins Imbissgeschäft eingestiegen, nachdem er wegen der Finanzkrise bei einem Wertpapierbroker aussteigen musste.

Wenn Thomas Brauße seinem Imbissbus verlässt und nach rechts blickt, sieht er den nahen Frankfurter Messeturm. Bis zum 10. Dezember des vorigen Jahres arbeitete er dort für Instinet, einem US-amerikanischen Betreiber für elektronische Handelssysteme. An jenem Vormittag ging er ganz normal zur Arbeit, am Nachmittag teilte die Geschäftsführung mit, dass alle Mitarbeiter entlassen seien. Brauße kramte aus seinem Schreibtisch einen Zettel mit der Telefonnummer eines Grundstückverwalters und ging.

Das Grundstück, für das der 44-Jährige sich interessierte, liegt einen Steinwurf entfernt vom Messeturm an einer Straße, zu deren beiden Seiten groß gebaut wird: hier ein 185 Meter hohes Hochhaus, drüben ein ganzes Stadtviertel. Die Idee einer eigenen Würstchenbude habe er vor Jahren gehabt, als er noch zwölf Stunden täglich im Büro für ein sechsstelliges Jahresgehalt arbeitete, berichtet Brauße. «Als zweites Standbein, denn Geld stinkt ja nicht.»

Nun ist der Imbiss sein einziges Standbein. Der Ex-Banker erzählt, wie ihn nach seiner Entlassung das erste Mal in seinem Leben Existenzängste plagten. Er hat zwei Töchter im Teenageralter, ein Auto und eine Altbauwohnung im Vordertaunusstädtchen Flörsheim. Um die 50 000 Euro hat Brauße in den Imbissbus investiert, in die Bierbankgarnituren und Sonnenschirme davor. Statt Millionengeschäfte im 20. Stock des Messeturms abzuwickeln, gibt er nun Wechselgeld heraus. Eine Currywurst kostet bei ihm 2,70 Euro, die Portion Pommes 1,60, der Kaffee einen Euro.

«Es ist schon aus der Not geboren, dass ich hier stehe, aber es gibt mir ein gutes Gefühl», sagt der große Mann mit dem kahl rasierten Schädel. Dass er so nah an seinem ehemaligen Arbeitsplatz Würstchen brate, mache ihm nichts aus. Brauße, der seinen Laden «Frankfurter Worscht Börse» genannt und dessen Logo mit einer aufsteigenden Aktienkurve verziert hat, sieht das Potenzial des Standorts: In der Nähe nur ein Imbiss mit italienischen Nudelgerichten, «und die Bauarbeiten hier gehen erst richtig los».

Ende Juli hat Brauße seinen Imbiss aufgemacht. «Jede Woche kommen 20 Prozent mehr Kunden, morgens die Bauarbeiter, mittags die Schlipsträger», sagt er. Mittlerweile verkaufe er jeden Tag Würstchen «im dreistelligen Bereich». Der Grillmeister wischt sich seine Hände an seiner Jeans ab und betrachtet ein paar Fettspritzer auf seinem weißen T-Shirt. «Wenn ehemalige Kollegen vorbeikommen», erzählt er, «sagen die: ´Hut ab.´ Die erkennen meinen Schritt an.» Gerade kommt Braußes jüngere Schwester Astrid durch eine Tür in den Bus. Sie hilft mittags aus, wenn die Hungrigen Schlange stehen. Sie sagt, sie finde «sehr mutig, sehr gut», was ihr Bruder macht.

Frankfurt/Main (ddp-hes)