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Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel von Bernhard Fleischmann zur

01.01.2017 - 22:12:25

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europäischen Finanzpolitik

Regensburg - Die Bundesbürger sind in Kauflaune. Spendabel

wie selten zuvor beschenkten sie ihre Liebsten und sich selbst zu

Weihnachten. Großzügig waren sie auch schon lange davor. Und danach

sind sie es wohl auch. Das Geld sitzt locker. Ausgangspunkt dieser

Stimmung ist die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank nach

der Banken- und Finanzkrise. Raus mit der Kohle, sie ist ja eh nix

mehr wert - dieser Devise folgen immer mehr Bürger. Aber stimmt das?

Gegenwärtig ist eher das Gegenteil richtig. Der niedrige Zins ist

Folge einer geringen Inflation. Hohe Inflation bedeutet starke

Geldentwertung, niedrige oder keine Inflation mithin geringe

beziehungsweise keine Geldentwertung. Der Wert des Geldes bemisst

sich daran, wie viel man dafür kaufen kann. Bei stabilen Preisen -

was historisch betrachtet eher selten der Fall ist - ist das mehr als

bei Inflation. Geld ist momentan also viel wert. Wer glaubt, Geld

hätte seinen Wert verloren, könne es ihm ja schmerzfrei schenken, hat

der Chefvolkswirt der EZB, Peter Praet, ironisch auf Kritik an der

Politik der Zentralbank reagiert. Der hochrangige Banker wurde nicht

gerade mit Euros überschüttet, zumindest ist nichts dergleichen

bekannt. Man muss davon ausgehen, dass die Menschen ihr vorgeblich

wertloses Geld doch lieber behalten. Oder für etwas anderes ausgeben.

Denn betrachtet man die Erwartungshaltung, dann dreht sich die

Perspektive. Nicht umsonst sind die Preise für Immobilien in Regionen

wie Regensburg, in denen es weiter aufwärts gehen soll,

explosionsartig gestiegen. Das Gleiche gilt für andere Sachwerte, von

denen sich die Anleger - bisweilen von arg fragwürdigen Hoffnungen

getrieben - Werthaltigkeit und -zuwachs versprechen. Die an

Ratlosigkeit grenzende Suche treibt seltsame Blüten. Exorbitante

Preissteigerungen bei Oldtimern oder Kunstwerken haben Fachleute

erstaunt und Verkäufer entzückt. Das zeigt: Die Anleger sind bereit,

immer höhere Risiken einzugehen, nur um ihr Geld umzuwandeln in

materielles Vermögen. Sollte sich der Trend etwa bei Kunstwerken

umkehren, dann würde Praet doch Recht bekommen: Die Käufer hätten

zwar nicht ihm, aber den Kunstverkäufern ihr Geld mehr oder weniger

geschenkt. Zwar ist die Strategie der EZB aufgegangen, Geld

lockerzumachen und in den Wirtschaftskreislauf zu schleusen.

Allerdings flutet der monetäre Segen nicht gerade jene Sektoren,

welche die Volkswirtschaft auf Dauer voranbringen. Investitionen in

alte Autos und Skulpturen zünden keine Ideen für innovative

Entwicklungen. Auch Beton gilt kaum als langfristig übermäßig

produktiv. In ganz Europa scheinen die Regierungen ohnehin schon froh

über jeden Tag zu sein, an denen ihnen das Finanzsystem nicht erneut

um die Ohren fliegt. Der Krisenmodus ist ein Dauerzustand. Bei der

Bekämpfung neuer alter Krisen wie aktuell in Italien scheint jedes

Mittel erlaubt, unbesehen, ob es im vorgesehenen Regelwerk enthalten

ist. Hauptsache, Geldzombies wie die Monte dei Paschi krachen nicht

zusammen. Dabei sollte genau diese Situation nie mehr wiederkehren,

dass eine Bank zu groß ist, um sie pleitegehen zu lassen. Und nie

wieder sollten die Steuerzahler das Vermögen der Anteilseigner retten

müssen. Von wegen, Ziel verfehlt. Das haben die USA besser und

radikaler gelöst. Zumindest gefühlt - und wohl auch in Wirklichkeit -

saßen wir noch nie auf einem so riesigen Pulverfass wie heute. Im

Bemühen, möglichst jede Unruhe vom System fernzuhalten, wirken EZB

und Politik in Europa paralysiert. Das geht auf Dauer nicht gut. Es

wird Zeit für einen Abschied vom "Weiter so". Wir werden etwas

riskieren müssen. Zinsen anheben, Schulden erlassen - beides wird

unumgänglich sein.

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