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Börsen-Zeitung: Wenig Gespür, Kommentar zu Linde von Joachim Herr

11.04.2017 - 20:38:24

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Frankfurt - Der Vorstand von Linde zeigt Härte - aber wenig

Gespür. Konzernchef Aldo Belloni lehnt es ab, die Aktionäre über eine

Fusion mit Praxair abstimmen zu lassen. Und legt sich mit der

Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) an. So ist

eine angespannte oder gar gereizte Stimmung auf der Hauptversammlung

am 10. Mai vorauszusehen.

Es ist die zweite Front, an der Belloni und der

Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Reitzle einen Zusammenschluss zum

Branchenprimus durchsetzen wollen. Reitzle scheut nicht einmal vor

der Brechstange zurück, die ihm das doppelte Stimmrecht gibt. Damit

könnte er die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat überstimmen, die fest

entschlossen ist, gegen eine Fusion mit Praxair zu votieren.

Die DSW ist nicht prinzipiell gegen einen Zusammenschluss - auch

wenn das Management von Linde die Vorteile einer Fusion bisher nicht

überzeugend vermittelt hat. Es geht um Aktionärsdemokratie mit der

Hauptversammlung als ihrem wichtigsten Forum. Aus juristischer Sicht

lässt sich wie so oft streiten, wer die besseren Argumente hat. Eine

zentrale Rolle spielen zwei Entscheidungen des Bundesgerichtshofs

(BGH): das sogenannte Holzmüller-Urteil von 1982 und das

Gelatine-Urteil von 2004. Ist nach diesen Rechtsprechungen die

Zustimmung der Hauptversammlung von Linde notwendig, weil es mit der

Fusion um eine Veränderung der Unternehmensstruktur geht? Für die DSW

ist die Sache mit Blick auf eine gemeinsame Holding von Linde und

Praxair klar.

Der Vorstand von Linde argumentiert dagegen, die zwei Fälle, über

die der BGH entschieden hat, seien nicht mit dem Vorhaben eines

Zusammenschlusses mit Praxair zu vergleichen. Zudem sieht das

Management die Entscheidungsmacht der Aktionäre gewahrt. Keiner werde

gezwungen, seine Linde-Aktien in die einer Holding mit Praxair zu

tauschen. Doch wer will die Anteilscheine der alten Linde AG

behalten? Deren Perspektive ist völlig unklar.

Jenseits aller juristischen Scharmützel zeugt das Beharren des

Linde-Vorstands und Reitzles von Scheuklappendenken, das ganz auf das

Zustandekommen eines deutsch-amerikanischen Zusammenschlusses

gerichtet ist. Vielleicht befürchtet das Management Anfechtungsklagen

gegen eine Entscheidung der Hauptversammlung - egal wie sie ausfällt.

Die Fusion gegen alle Widerstände durchzuboxen, würde ein fatales

Zeichen setzen. Schlechter könnte der Start nicht sein: mit

enttäuschten Aktionären und wenig motivierten Mitarbeitern.

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