Mannheim (ddp). Es dauert einige Zeit, bis sich die 26 Mädchen und Jungen aus der 7c der Mannheimer Tulla-Realschule in dem fremden Vorlesungssaal niedergelassen haben. «Sieht ja aus wie im Kino hier», staunt einer der Jungen. Gleich wird Professor Ulrich Harten von der Hochschule Mannheim mit seiner Vorlesung beginnen. Die Teenager bekommen es mit einem Thema zu tun, das selbst Erwachsenen Kopfzerbrechen bereitet: Es geht um die Relativitätstheorie. In dieser Woche sind etwa 200 Schüler als Forscher aus vier Mannheimer Schulen und einem Kinderhaus in ihrer Stadt unterwegs.
Sie beteiligen sich damit an dem von der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit dem Deutschen Städtetag geförderten Projekt «Forschungsexpedition Stadt». Bundesweit werden mehr als 2500 Kinder und Jugendliche aus 60 Städten dabei sein. Mannheim ist eine davon. Ziel ist es, die große Bandbreite der Bildungs- und Forschungseinrichtungen ihrer Stadt zu entdecken. Die Schüler sollen sich dabei mit Themen wie Umwelt- und Klimaschutz auseinandersetzen, Zeitzeugen befragen oder Denkmäler erkunden. Auch sie selbst sollen zum Forschungsobjekt werden, etwa beim Thema «Lebenselixier Blut» im Universitätsklinikum.
Für die 7c geht es am ersten Tag des Projektes um Einsteins Theorie, wonach Zeit und Raum relativ sind. Dass es nicht nur für die Realschüler, sondern auch für den Dozenten eine Herausforderung wird, weiß der Physik-Professor natürlich auch. Normalerweise unterrichtet er in der Mannheimer Fachhochschule den Ingenieurnachwuchs. Um die Stimmung aufzulockern - es ist der 40. Jahrestag der Mondlandung - zeigt der Physiker zunächst einen Film über das historische Ereignis. Die Schüler amüsieren sich über die Mondfahrer, die auf dem Erdtrabanten nur ein Sechstel ihres Erdengewichts wiegen und daher wie Kängurus herumhüpfen.
Wenn die Schüler auch nicht genau wissen, warum überhaupt Menschen auf dem Mond spazierten; dass es Theorien gibt, wonach es möglicherweise nie Menschen zum Mond geschafft haben, ist manchen Schülern geläufig. «Warum hängt die Flagge nicht herunter, wenn der Mond keine Atmosphäre hat?», fragt ein Mädchen. Der Naturwissenschaftler erklärt, dass eine Stange die Flagge stabilisiert.
Um sich der Relativitätstheorie anzunähern, beginnt der Physiker mit dem Phänomen Lichtgeschwindigkeit. Die beträgt 300 000 Kilometer in der Sekunde. »Das bedeutet, dass das Licht der Galaxien, die wir heute etwa mit einem Weltraumteleskop sehen können, Millionen von Jahren unterwegs war«. Schweigen im Vorlesungssaal.
Dass der Mensch auf diese Weise gewissermaßen in die Vergangenheit der Galaxien und irgendwann vielleicht des ganzen Alls blicken kann, klingt unglaublich. Nach der Urknalltheorie, der Idee, das Weltall könne sich wie ein aufgeblasener Luftballon immer weiter ausdehnen, sinkt die Konzentration der Schüler schließlich.
Die Reaktionen sind durchwachsen, das fällt auf im Gespräch mit den Teenagern. »Ich finde das Thema eigentlich nicht so sehr spannend«, räumt die 14 Jahre alte Marlene diplomatisch ein. Dennoch sei der Vortrag dafür nicht übel gewesen. Die meisten anderen Mädchen, wie Mareike, Vivien oder Sarah äußern sich ähnlich. Eine von ihnen behauptet felsenfest, Innenarchitektur wäre ein spannenderes Thema gewesen.
Immerhin lobt der 14 Jahre alte Ylmaz den Forschungsaufenthalt in der Mannheimer Hochschule: »Mir hat es gut gefallen, ich interessiere mich für die Relativitätstheorie«, sagt er. Daniel Nischwitz, der Klassenlehrer der 7 c ist zufrieden mit der Vorlesung und seinen Schülern: «Es ist wichtig, dass die Schüler mal einen Blick hinter die Kulissen werfen können.» Wie sonst könnten sie sich sonst ein Bild machen?
Nach der Vorlesung besuchen die Realschüler noch die verschiedenen Fachabteilungen, begutachten Reagenzgläser bei den Biologen und den Chemikern. Sie lassen sich erklären, wer in der Hochschule was, zu welchem Zweck tut. Irgendwann schließlich ist der Ausflug beendet. Bevor die Ferien losgehen, wird noch einiges zu sehen sein in Mannheim. So werden etwa Schloss und Wasserturm für den Forschernachwuchs geöffnet, die sich entscheiden, ein Mannheimer Denkmal zu erkunden. Aber egal, welches Thema die Kinder wählen: Eine Lernerfahrung, die über den regulären Schulbetrieb hinausgeht, ist ihnen sicher.
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