Bereichert Euch! - 20 Jahre Kapitalismus in China: Wie Sie wissen, ist China heute eine der größten Wirtschaftsnationen der Erde. Es ist aber noch nicht allzu lange her, da wäre jeder, der so etwas behauptet hätte, glatt ausgelacht worden.  Viele Zeitgenossen hätten die Idee, dass das Reich der Mitte einen derartigen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, noch in den 80er oder 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts für vollkommen absurd gehalten. China galt seinerzeit als marodes und abgewirtschaftetes Land, dessen Kräfte von einem
Vergrößern Bereichert Euch! - 20 Jahre Kapitalismus in China | Bild: © ad-hoc-news

Wie Sie wissen, ist China heute eine der größten Wirtschaftsnationen der Erde. Es ist aber noch nicht allzu lange her, da wäre jeder, der so etwas behauptet hätte, glatt ausgelacht worden. 

Viele Zeitgenossen hätten die Idee, dass das Reich der Mitte einen derartigen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, noch in den 80er oder 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts für vollkommen absurd gehalten. China galt seinerzeit als marodes und abgewirtschaftetes Land, dessen Kräfte von einem jahrzehntelangem Brachialsozialismus aufgezehrt erschienen, und dessen Bevölkerung von wirren wirtschaftspolitischen Experimenten und von den Schrecken der Kulturrevolution demoralisiert war. Umso mehr muss der darauf folgende Aufstieg beeindrucken, der in seinem Umfang in der jüngeren Geschichte geradezu beispiellos ist. 

Wie aber gelang es dem schlafenden Riesen China, solche gewaltigen Kräfte freizusetzen?

Die entscheidende Voraussetzung für Chinas Aufstieg waren die marktwirtschaftlichen Reformen, die in den Jahren nach dem Tod des Parteivorsitzenden Mao durchgeführt wurden. Untrennbar mit diesen Reformen verbunden ist der Name des im Westen immer noch relativ unbekannten chinesischen Politikers Deng Xiaoping. Der Erfolg seiner Reformen war von Anfang an beträchtlich, aber sie stießen innerhalb der kommunistischen Kader auf erhebliche Widerstände. Ihr endgültiger Durchbruch kam erst mit Dengs spektakulärer ?Reise in den Süden? im Jahr 1992. Dies war die eigentliche Geburtsstunde des Kapitalismus in China. 

Dabei war Deng keineswegs ein Kritiker des sozialistischen Systems oder gar ein idealistischer Reformer ? etwa vom Zuschnitt eines Michael Gorbatschow. Vielmehr stand er fest auf dem Boden der Kommunistischen Partei ? und zur Sicherung ihres Machtanspruchs war ihm fast jedes Mittel recht. Was ihn aber von den meisten seiner Kader-Genossen eindeutig unterschied, war sein tief verwurzelter Pragmatismus. Die Folgen ideologischer Engstirnigkeit hatte er schmerzhaft am eigenen Leib erfahren müssen. Einen beträchtlichen Teil seiner politischen Laufbahn verbrachte er unter Hausarrest und in Straflagern.

Pragmatismus statt Ideologie

Ob eine politische Entscheidung ?rechts? oder ?links? war, war für Deng relativ belanglos, sofern sie zum gewünschten Ziel führte. Und die marktwirtschaftlichen Reformen versprachen, endlich die Produktivkraft Chinas und seiner Milliardenbevölkerung freizusetzen. Ohne eine Abkehr von der zentralwirtschaftlichen Planung, so erkannte Deng richtig, würde es dem Land nicht gelingen, sich aus eigener Kraft aus seinem erschreckend unterentwickelten Zustand zu befreien ? und dies würde über kurz oder lang auch die Position der Kommunistischen Partei untergraben. 

Natürlich gab es schon viele Jahre vor 1992 marktwirtschaftliche Reformen in China. Ehemals kollektiviertes Land war bereits den Bauern zur eigenständigen Bewirtschaftung überlassen worden, Sonderwirtschaftszonen waren eingerichtet worden und es gab erste Ventures mit ausländischen Gesellschaften. Dieser von Deng maßgeblich angestoßene Prozess war aber spätestens Anfang der 90er Jahre empfindlich ins Stocken geraten. Die heimischen Unternehmer und die ausländischen Geschäftspartner zeigten sich traumatisiert angesichts des Massakers am Platz des himmlischen Friedens. Und Führungsriege in Peking sah gleichzeitig fassungslos dem Zerfall der Sowjetunion zu, der vermeintlich zu bestätigen schien, dass jeder Ansatz von Reformpolitik zwangsläufig in den Untergang führen werde. 

1992 wird zum Wendepunkt 

Erst 1992 gelang es Deng, auch die parteiinternen Kritiker zu überzeugen (oder zu überrumpeln), und das ganze System auf seine Linie zu bringen. Seine mehrmonatige ?Reise in den Süden?, die er im Alter von bereits 88 Jahren unternahm, war ein wohlkalkulierter PR-Feldzug. Deng besuchte aufstrebende Städte wie Guangzhou, Shenzhen und Shanghai, und warb dabei unablässig in Reden und Gesprächen um mutige Reformen und eine entschlossene Erneuerung. 

Am Ende der Tour war das ganze Land von einem regelrechten Reform-Rausch erfasst; und wer sich nicht begeistern konnte, musste wohl oder übel dennoch mitziehen. Bisher Undenkbares schien auf einmal wieder möglich zu sein ? und Dengs Devise ?Reich werden ist ruhmreich? wurde plötzlich zur inoffiziellen Staatsdoktrin. 

Beispiellose Schaffung von Wohlstand

Der Erfolg von Dengs Hinwendung zum Kapitalismus kann sich sehen lassen: Seit 1978 stieg das chinesische Bruttoinlandsprodukt um durchschnittlich 9 Prozent pro Jahr. Die Wirtschaftsleistung des Landes hat sich seither verhundertfacht, die Wirtschaftsleistung pro Kopf verachtzigfacht. Heute ist China die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, verfügt über die weltweit größten Devisenreserven und ist der größte Gläubigerstaat der Welt. Dengs Ziel, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf bis 2050 auf 4000 Dollar pro Jahr zu steigern, wurde 40 Jahre früher als geplant erreicht. 

Zwar sind viele Chinesen nach westlichen Maßstäben nach wie vor arm. Dennoch ist der Zuwachs an Wohlstand, der dort in den vergangenen beiden Jahrzehnten stattfand, beispiellos. Ohne nennenswerte Unterstützung von außen, ohne Entwicklungshilfe oder internationale Aufbauprogramme, arbeitete sich das Land buchstäblich aus dem Nichts zur zweitgrößten Wirtschaftsnation der Welt nach oben.

Deng Xiaopings Reformen schufen nicht nur die Grundlage für gewaltige Reichtümer, die einige wenige angehäuft haben, sondern auch für einen breiten ? wenn auch meist noch bescheidenen ? Massenwohlstand. Nicht ganz zu Unrecht nannte ihn die ?Frankfurter Allgemeine Zeitung? deshalb den ?Mann, der 500 Millionen Arme rettete?.



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