Auf Gut Darß werden jetzt die Osterlämmer geboren: Schäfer Jörg Diekelmann muss Horst nicht zweimal rufen. Sekundenschnell löst sich ein Schaf aus der Herde, um direkt in die Arme von Diekelmann zu springen. 'Horst ist ein Flaschenkind. Auf sich allein gestellt hätte er nicht überlebt', sagt der erfahrene Schäfer und streichelt dem erst wenige Tage alten Lamm über das dunkle Fell.
Vergrößern Auf Gut Darß werden jetzt die Osterlämmer geboren | Bild: © dapd

Barth (dapd-lmv). Seit Jahresbeginn werden im Gut Darß täglich zig sogenannte Osterlämmer geboren. Mit einem Gewicht von je 20 Kilogramm werden sie zu Ostern geschlachtet.

'Bei uns ist absolute Hochzeit, einige Wochen später als in den vergangenen Jahren', sagt Produktionsleiter Danilo Hiltner, während er einem Mutterschaf bei der Geburt zur Seite steht. Warum nicht schon wie gewohnt im November die ersten Osterlämmer das Licht der Welt erblickten, dafür hat niemand unter den Experten im Schafstall in Barth eine Antwort. 'Vermutlich liegt es am verregneten Sommer. Dadurch hat sich die Deckzeit etwas verzögert', sucht Marc Fiege, Geschäftsführer des Gutes, nach einer Antwort.

Fiege hat seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren die Schafhaltung des Gutes deutlich ausgebaut. Dabei hat er auch die traditionsreiche Schäferei Zimmer in Barth übernommen und auf Bioproduktion umgestellt, nachdem der langjährige Besitzer in den Ruhestand gegangen war. Die Weideflächen werden ökologisch bewirtschaftet. 'Keine chemischen Düngemittel, Medikamente für die Tiere nur im äußersten Notfall und auch das Futter, das im Stall gegeben wird, ist nachweislich biologisch erzeugt', erklärt der mit 34 Jahren noch junge Betriebschef seine Unternehmensphilosophie.

Produktionsleiter Hiltner ergänzt: 'Das gilt für unsere Schafe und Rinder, aber auch die Ziegen und Wasserbüffel gleichermaßen. Bioerzeugnisse erfreuen sich ständig steigender Nachfrage. Und dem wollen wir gerecht werden.' Dabei werden die Tiere zielgerichtet in der Landschaftspflege eingesetzt. Selbst nur schwer zugängliche Flächen im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft wie Salzwiesen und Deiche können durch die Weidehaltung der Tiere optimal gepflegt werden. Auch jetzt im Winter sind auf der Halbinsel Fischland Darß Zingst Schafherden unterwegs, um Brutflächen für verschiedene Seevogelarten kurz zu halten.

Erst im März werden diese Schafe ihre Vorgänger im Stall ablösen. 'Weil wir inzwischen mehrere Herden betreuen, haben wir unsere Lammzeit in eine Winter- und Frühjahrsperiode aufgeteilt. Derzeit kommen die Oster-, ab März dann die Sommerlämmer zur Welt. Ansonsten wäre die Arbeit nicht mehr zu schaffen', erklärt Jörg Diekelmann, der seit 30 Jahren mit Leib und Seele Schäfer ist. Derzeit ist er fast rund um die Uhr im Einsatz. 'Viele Mutterschafe lammen das erste Mal. Da muss man ihnen etwas helfen', erklärt der 49-Jährige.

Dass er dennoch die Zeit findet, auch mal ein von der Mutter verstoßenes Neugeborenes mit der Flasche aufzuziehen, ist für den gelernten Schäfer eher eine Selbstverständlichkeit, denn eine zusätzliche Belastung. Gut möglich, dass es ihm der junge Bock Horst eines Tages mit besonders leistungsstarkem Nachwuchs dankt.

Grundsätzlich werden die derzeit geborenen Lämmer nur knapp 100 Tage alt, um Ostern herum werden sie geschlachtet. Das Gros der Osterlämmer wird im gutseigenen Laden in Born oder auf Wochenmärkten vermarktet. Ein Fleischer komplettiert das Angebot mit verschiedenen Wurstsorten. Auch Gastronomen und Touristen gehören zu den Abnehmern. Angesichts der steigenden Nachfrage freuen sich die Männer vom Gut Darß, dass etwa jedes zweite Schaf zwei Lämmer zur Welt bringt, hin und wieder sind es sogar drei. So werden die 400 Mutterschafe im Barther Schafstall bis Ende Januar für etwa 650 Lämmer sorgen.

Für Landeszuchtleiter Sven Grumbach bleibt die Schafhaltung in Mecklenburg-Vorpommern dennoch ein schwieriges Geschäft. 'Viele Schäfer haben es schwer, sich wirtschaftlich über Wasser zu halten. Die Aufkaufpreise sind nach wie vor gering, während die Betriebskosten ständig steigen', bedauert er. So wirtschafteten die meisten Schäfer eher als kleine Familienbetriebe, ohne Angestellte. Gut Darß mit seinen Mitarbeitern sei die Ausnahme.

dapd