Hannover (ddp). Das einsturzgefährdete Atommülllager Asse galt anfangs als idealer Ort für die Einlagerung von schwach- und mittelradioaktiven Altlasten. Das geht aus der Anhörung von Strahlenschutz- und Bergbauexperten hervor, die am Donnerstag in Hannover als erste Zeugen vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu den Vorgängen in dem maroden Bergwerk gehört wurden. Dass der Salzstock durch Laugenzufluss abzusaufen und einzustürzen droht, zeigte sich danach offenbar erst nach Ende der Einlagerung von offiziell insgesamt 126 000 Atommüllfässern im Jahr 1978.
Wissenschaftler hätten in den 60er Jahren in einem Bundesgutachten in dem Bergwerk eine «sehr günstige Voraussetzung» festgestellt, sagte der ehemalige Direktor des Oberbergamts, Jürgen Schubert, vor dem Kontrollgremium des Niedersächsischen Landtags. Zahlreiche Landes- und Bundesminister hätten damals die Asse besucht. Auch viele ausländische Gäste seien in die Grube hinabgefahren und hätten für die deutsche Einlagerungstechnik «sehr viel Lob» ausgesprochen.
Ähnlich äußerte sich der zweite Zeuge, der ehemalige Asse-Betriebsarzt, Karl Niklas. Ihm und seinen Kollegen sei von Experten stets versichert worden, dass es sich beim Salzstock Asse um eine «absolut sichere Form der Endlagerung» von radioaktivem Material handele, sagte Niklas. Dass dem nicht so ist und die Asse jederzeit in sich zusammenstürzen kann, habe er erst lange nach seiner Pensionierung im Jahr 1989 erfahren. Das habe ihn stark erschüttert.
Der heute 82-jährige Niklas war seit April 1960 als Arzt und Strahlenschutzexperte für die ehemalige Asse-Betreiberin Gesellschaft für Strahlenschutzforschung (GSF) tätig und besuchte in den folgenden Jahren regelmäßig das Asse-Bergwerk, um sich nach möglichen Gesundheitsgefährdungen der Mitarbeiter zu erkundigen.
Niklas sagte, Unfälle mit radioaktivem Material seien ihm nie gemeldet worden. Ihm sei auf von den Betriebsleitern immer wieder gesagt worden, dass es weder Dosisüberschreitungen bei der Strahlenexposition der Mitarbeiter «noch irgendwelche» Störfälle mit radioaktivem Material gegeben habe. Gegen die ehemaligen Betreiber der Asse ermittelt die Staatsanwaltschaft. Hintergrund sind Krebserkrankungen von ehemaligen Mitarbeitern, die diese auf ihre Tätigkeit in dem Bergwerk zurückführen.
Bezüglich des in der Asse gelagerten Inventars sagte Niklas, dass er keine Kenntnis darüber gehabt habe, dass in der Grube auch hoch radioaktives Material eingelagert wurde. «Uns wurde immer wieder mitgeteilt, dass es sich um Material mit geringen Aktivitäten handelt», sagte er.
Ähnlich äußerte sich Bergdirektor Schubert. Er habe keinerlei Kenntnis, dass in den Salzstock hoch radioaktiver Abfall gebracht worden sei. Die Zeugen widersprachen damit indirekt Medienberichten, wonach in die Asse offenbar auch hoch radioaktives Material verbracht wurde.
Die Ausschussmitglieder bewerteten das Ergebnis der ersten Zeugenvernehmung unterschiedlich. CDU-Obmann Karl-Heinrich Langspecht nannte die Aussagen «sehr aufschlussreich». Grünen-Obmann Stefan Wenzel sagte dagegen, die Befragungen hätten nichts ergeben, was dem Umweltausschuss nicht schon bekannt gewesen sei. Völlig offen sei nach wie vor die Frage der politischen Verantwortlichkeiten.
Auch SPD-Obmann Detlef Tanke sagte, dass es Fachleuten wie Schubert offenbar in erster Linie um die Sicherheit der Bergleute gegangen sei. «Politische Entscheidungen» zur Nutzung der Asse als Endlager für Atommüll seien dagegen nie «problematisiert» worden.
Aus Sicht von Greenpeace-Atomexperte Mathias Edler geht es nicht allein um die Asse. Das ganze Konzept für die Endlagerung von Atommüll in Salz sei gescheitert, auch in Morsleben und Gorleben. «Diese Schuhe sind für einen Untersuchungsausschuss auf Landesebene zwei Nummern zu groß», betonte Edler. Notwendig sei ein Untersuchungsausschuss auf Bundesebene, in dem auch die ehemalige Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU) befragt werden müsse.
(Quellen: Greenpeace in Mitteilung; alle anderen in Hannover)
ddp/hap/stu

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