50 000 historische Bücher und Notenblätter gingen bei dem größten Bibliotheksbrands nach dem Zweiten Weltkrieg für immer verloren, 62 000 weitere wurden teils schwer beschädigt geborgen und werden nun mühsam repariert.
Seite für Seite nimmt Müller die zerrissenen Bücher auseinander und legt sie in Edelstahlkassetten. Seine Kollegin taucht diese per Knopfdruck zum Säubern in ein Wasserbecken. «Im nächsten Schritt läuft flüssiges Papier auf das Blatt», erklärt der gelernte Buchbinder. Papierfasern bleiben durch einen Sog an den angeschmorten Rändern hängen und machen die kostbaren Buchseiten wieder gerade.
Zu Müllers «Patienten» gehören unter anderem Schriften wie die Historia Judaica von 1651, wertvolle Handschriften und mit Marginalien versehene Druckschriften. «Wir haben eine industrielle Fertigung», sagt Müller. Das Verfahren hat er selbst entwickelt, die passenden Maschinen dazu entworfen. Bei Millionen von geschädigten Blättern müsse man zu rationellen Methoden greifen. Anders könne der Aufwand nicht bewältigt werden.
«Bis zu 500 Seiten schaffen wir an einem Tag», rechnet der Rentner vor. Doch das ist nur ein winziger Teil von dem, was sich im Nebenraum palettenweise stapelt. Wie viele Bücher seit Auftragsbeginn im Mai 2008 die Werkstatt tatsächlich schon repariert verlassen haben, kann Müller nicht sagen. Es ist eine Mammutaufgabe.
Nach seiner Konstruktion gibt es mittlerweile Anfragen aus der ganzen Welt. Auch das Kölner Stadtarchiv, das im März 2009 in einen Baustellen-Krater stürzte und nach Schätzungen den zehnfachen Bücherverlust von Weimar hinnehmen musste, hat Interesse.
Die Aufsicht über die Weimarer Restaurierungsarbeiten hat Matthias Hageböck. Er sitzt im Bibliotheksgebäude, gegenüber dem prächtigen Rokokosaal, der in der Nacht des 2. September 2004 lichterloh in Flammen stand. Hageböck klickt sich durch seine digitale Fotosammlung. «Als ich eintraf, sah man im Dachgeschoss nur noch Qualm», erinnert er sich an das Geschehen vor sechs Jahren. Ein Kabelbrand hatte das Feuer entfacht. «Eine Stunde hatten wir Zeit, um die wichtigsten Bücher zu retten.» Dachbalken stürzten hinunter, Regale kippten zusammen. Dann knisterte es nur noch, und das Feuer wütete erbarmungslos.
«10 000 Bücher konnten wir unversehrt retten», sagt Hageböck. «Darunter war die sogenannte Lutherbibel, der deutsche Erstdruck des Alten und Neuen Testamentes.» Auch die weltweit größte Faust-Sammlung und die Privatbibliothek von Friedrich Nietzsche (1844-1900) wurden gesichert. Der Rest fiel der Hitze oder den 380 000 Litern Löschwasser zum Opfer. Fast vollständig verbrannt wurde die Musikaliensammlung der Herzogin Anna Amalia (1739-1807).
In zwölf Werkstätten wurden mittlerweile 25 000 der durchnässten Bücher wieder lesbar gemacht. Für die angebrannten Werke sind allein Müller und sein junges Team zuständig. Bis 2014 sollen sie 8000 der wichtigsten Werke restaurieren, sagt Hageböck. «Bis dahin reicht die Finanzierung». «Wir kämpfen um jedes Objekt», fügt Günter Müller hinzu.
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