299 Kerzen zur Erinnerung an das größte Bergbau-Unglück im Saarland: Es ist bitterkalt, doch nicht die Temperaturen von minus 15 Grad treiben den Bergmännern in der Morgendämmerung die Tränen in die Augen.
Vergrößern 299 Kerzen zur Erinnerung an das größte Bergbau-Unglück im Saarland | Bild: © dapd

Völklingen (dapd-rps). Sie stehen an diesem Dienstag am Völklinger Barbara-Denkmal und gedenken der 299 Männer, die vor 50 Jahren bei der größten Grubenkatastrophe in der Geschichte des Saarlandes ums Leben kamen: beim Unglück im Alsbachfeld der Grube Luisenthal am Morgen des 7. Februars 1962.

Zur Erinnerung an jedes einzelne Todesopfer entzünden die Mitglieder des Luisenthaler Bergmannvereins ab 7.45 Uhr eine Grabkerze. 15 Minuten später brennen 299 rote Lichter. In vielen saarländischen Gemeinden läuten zeitgleich die Kirchenglocken und die Flaggen auf öffentlichen Gebäuden wehen auf Halbmast.

'Ich war an dem Mittwoch in der Schule. Alle Schüler wurden gegen 8.30 Uhr nach Hause geschickt, weil es einen Vorfall in der Grube gab', erinnert sich Friedrich Breinig. Der damals achtjährige Bube ist heute der letzte Bergwerksdirektor an der Saar. Stundenlang bangte er vor 50 Jahren um das Leben seines Vaters, der als Hauer in der Luisenthaler Grube schaffte, wie man im Saarland sagt. 'Er gehörte an diesem Tag zur Frühschicht, war also unter Tage als die Explosion geschah. Wir warteten den ganzen Tag auf eine Nachricht, erst um halb sechs kam er gesund nach Hause.'

Breinigs Vater war nicht ins Alsbachfeld, sondern ins Südfeld eingefahren - das rettete ihm das Leben. 'Er blieb nach der Ausfahrt vor Ort und half nach der Katastrophe mit. Es gab ja einiges zu tun', berichtet Breinig. Soldaten, Rettungskräfte und Feuerwehren waren zusammengezogen worden, die mehr als 70 Verletzten wurden bis nach Ludwigshafen auf die Krankenhäuser verteilt. Das letzte Opfer wurde erst zwei Wochen nach dem Unglück gefunden. Der genaue Auslöser der Schlagwetterexplosion konnte nie ermittelt werden.

Der Andrang beim ökumenischen Gedenkgottesdienst in der Völklinger Christkönigkirche ist ein halbes Jahrhundert später so groß, das nicht alle Teilnehmer in die Kirche passen. Viele müssen in einem Zelt die Liveübertragung der Messe verfolgen. Nach Angaben der Polizei nehmen rund 1.000 Teilnehmer an der Veranstaltung mit anschließendem Schweigemarsch und Kranzniederlegung teil.

Für Saarlands Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) ist diese Anteilnahme ein Zeichen dafür, wie tief die Geschichte des Bergbaus das Land geprägt hat. 'Im ganzen Saarland löst das Wort Luisenthal und das Datum des 7. Februars bis heute Reaktionen aus, das liegt an der besonderen DNA, die wir Saarländer in uns haben', betont die Landeschefin, die aus Völklingens Nachbarort Püttlingen stammt. Über viele Jahre habe das Bundesland vom Steinkohleabbau gelebt. 'Aber bei diesem Unglück hat nicht nur das Saarland, sondern Deutschland und Europa die Trauer mit Völklingen geteilt. Und das Schicksal der Männer, ihrer Frauen, Kinder und Eltern bewegt bis heute, auch die Menschen, die wie ich erst danach geboren wurden,' ergänzt Kramp-Karrenbauer.

Der 50. Jahrestag des Grubenunglücks findet zufällig genau in dem Jahr statt, in dem der saarländische Bergbau für immer eingestellt wird. Zum Zeitpunkt des Unglücks waren mehrere Zehntausend Menschen im Bergbau beschäftigt, derzeit sind es noch rund 2.000. Von 18 Bergwerken nach dem Zweiten Weltkrieg ist heute nur noch die Anlage Nordschacht des Bergwerks Saar in der Nähe von Lebach in Betrieb. Auch die wird zum 30. Juni geschlossen, dann endet die 250-jährige Epoche der saarländischen Kohleförderung.

dapd