120 Skelette und eine Glockenguss-Anlage: Über mangelnde Aufmerksamkeit können sich Michael Beyer und sein Team in diesen Tagen sicher nicht beklagen. Trotz des eisigen Windes, der in den vergangenen Tagen über den Platz weht, sammeln sich immer wieder Grüppchen von Schaulustigen an dem Bauzaun, der vor der Herderkirche in der Weimarer Innenstadt aufgestellt ist.
Vergrößern 120 Skelette und eine Glockenguss-Anlage | Bild: © ad-hoc-news

Weimar (dapd-lth). Zu sehen gibt es hier fast immer etwas, immerhin haben die Archäologen um Grabungsleiter Beyer auf der gut 200 Quadratmeter großen Fläche schon über 120 Skelette ausgegraben.

Direkt unter dem Pflaster lagen die Toten in bis zu vier oder fünf Schichten übereinander in der Erde. Die tiefsten Funde reichen bis in die graue Vergangenheit zurück.

Wie weit, sei noch unklar, erklärt die wissenschaftliche Leiterin Karin Szech. Aber es sei durchaus möglich, dass der Friedhof bis ins 11. Jahrhundert zurückreiche. Indizien gebe es dafür einige. So weise etwa die Bestattungsform der sogenannten Kopfnischengräber auf ein hohes Alter hin. 'Dabei wurden die Gräber nicht völlig rechteckig angelegt, sondern es wurde eine Aussparung für den Kopf gelassen.' Die Toten seien damals ohne Sarg nur in Tücher gehüllt begraben worden.

Ein Kinderring von der Südwestseite der Grabungsstelle und ein einfacher Schieferanhänger lieferten bislang keine brauchbaren Hinweise auf das Alter. Hilfreicher könnte allerdings der Fund eines Steins aus Bergkristall sein, der in einem Kindergrab gelegen hatte. Für die Wissenschaftler ein möglicher Beweis, dass der Tote zum slawischen Kulturkreis gehört hat, deren Angehörige bis ins 12. und 13. Jahrhundert auch nach der Christianisierung durch Geschirr, Schmuck und die Art ihrer Häuser identifizierbar blieben.

Sollte sich der Verdacht bestätigen, müsste der Weimarer Stadtgeschichte ein weiteres Kapitel hinzugefügt werden, sagt Szech. Dann wäre die Stadt im 11. Jahrhundert vermutlich größer gewesen als bisher vermutet. Zudem lieferten die Funde wichtige Erkenntnisse über die damaligen Kernbereiche der Besiedelung.

Dass sich unter dem Parkplatz vor der Kirche ein Friedhof befinden muss, wussten die Archäologen bereits aus alten Stadtplänen. Überraschend sei jedoch gewesen, dass die Funde so nah an der Oberfläche lagen, sagt Szech. Noch unerwarteter kam die Entdeckung einer Glockenguss-Grube, in der um 1530 die Glocken für Sankt Peter und Paul gefertigt wurden. 'Eine solche Anlage sieht man in dieser Qualität nur sehr selten', sagt Szech.

Wer der Glockengießer war und wie lange seine Stücke im Turm der Kirche gehangen haben, sei bisher unbekannt, sagt Beyer. Sicher sei jedoch, dass die Glocken, die während des Zweiten Weltkriegs ausgebaut und eingeschmolzen wurden, bereits neueren Datums waren. Genauere Hinweise auf die Entstehung der Glocken könnten allenfalls die alten Kirchenrechnungen liefern, die in den Weimarer Archiven schlummern. Bislang gebe es jedoch niemanden, der die aufwendige Arbeit der Entschlüsselung der Kirchenbücher angehen könne.

Bis zum Sommer 2012 werden die Ausgrabungen noch andauern, dann können die Bauarbeiten zur Sanierung des Platzes begonnen werden. 'Wir sind sehr froh über die Zusammenarbeit mit der Stadt Weimar', sagt Szech. Bereits zwei Jahre vor Baubeginn hätten sich die Verantwortlichen mit den Archäologen zusammengesetzt, um gemeinsam zu planen. Auch beim Ablauf der Grabungen sei die Kommunikation sehr gut gewesen.

Rund 1.000 Gräber könnten nach Schätzung Szechs noch zum Vorschein kommen, bis die Ausgrabungen vor und hinter der Kirche abgeschlossen sind. Nachdem das Alter der ältesten Gebeine festgestellt wurde, sollen die Überreste der alten Weimarer auf den Friedhof gebracht werden, wo sie vermutlich in einem Gemeinschaftsgrab ihre letzte Ruhe finden.

dapd