Atomenergie - Atomkraft in der Krise: Disput um Asse und Biblis: Berlin (dpa) - Die Atomenergie kommt aus der Vertrauenskrise nicht heraus. Nur elf Tage nach erneuten Pannen im Kernkraftwerk Krümmel in Schleswig-Holstein kam es zu weiteren Entdeckungen von radioaktiven Laugen-Belastungen im niedersächsischen Atommüll-Lager Asse.
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Berlin (dpa) - Die Atomenergie kommt aus der Vertrauenskrise nicht heraus. Nur elf Tage nach erneuten Pannen im Kernkraftwerk Krümmel in Schleswig-Holstein kam es zu weiteren Entdeckungen von radioaktiven Laugen-Belastungen im niedersächsischen Atommüll-Lager Asse.

«Neue Gefahren gebe es dadurch nicht», versicherte aber der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) Wolfram König als Betreiber der Anlage am Mittwoch in Berlin.

Unterdessen warnte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) vor Sicherheitsrisiken des hessischen Reaktors Biblis B. Er forderte dessen Betreiber, den Essener Stromkonzern RWE, dazu auf, vom geplanten Wiederanfahren des für einen Sicherheitscheck im Januar abgeschalteten Meilers abzusehen. Nur wenig später teilte Hessens Umweltministerium als Aufsichtsbehörde mit, Biblis B werde erst nach der Nachrüstung zur Sicherung des Kühlkreislaufs ans Netz gehen.

Nur gut zwei Monate vor der Bundestagswahl erließ Gabriel zugleich sofort gültige Vorschriften für eine ergebnisoffene Suche nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle aus Kernkraftwerken. Damit sollen unionsgeführte Bundesländer gezwungen werden, sich nicht nur auf den Salzstock Gorleben zu konzentrieren, sondern auch Gesteinsformationen in Bayern und Baden-Württemberg unter die Lupe zu nehmen. Kern der Vorschriften für das künftige Endlager sind laut Gabriel Sicherheitsnachweise des Atommülls für eine Million Jahre. Während der Einlagerungen sollten mehrere Sicherheitsbarrieren geschaffen und vor dem Verschluss der Anlage Atommüll wieder zurückgeholt werden können.

Die Atomenergiepolitik der Union sei «skandalös», monierte Gabriel angesichts deren unveränderter Forderung nach verlängerten Laufzeiten für die Atommeiler weit über 2022 hinaus. Überraschend Unterstützung für die Abschaltung des Pannen-Meilers Krümmel in Geesthacht erhielt Gabriel vom niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU). «Ich bin skeptisch, ob Krümmel wieder ans Netz geht, Krümmel muss abgeschaltet bleiben», schrieb Wulff laut «sueddeutsche.de» bei einem Internet-Chat. Die SPD im Landtag nannte ihn unglaubwürdig. Die Grünen forderten, Wulff solle sich jetzt auch für die Abschaltung des AKW Unterweser einsetzen.

Bisher hatten die CDU-Länder übereinstimmend an Krümmel festgehalten, jedoch Vattenfall gedroht, den Meiler immerhin dann vom Netz zu nehmen, wenn der Konzern die Probleme nicht in Griff kriege. Inzwischen wurde in dem vom Stromkonzern Vattenfall betriebenen Atomkraftwerk Krümmel ein Brennelement mit einem defektem Brennstab entdeckt, wie die Kieler Atomaufsicht der Deutschen Presse-Agentur dpa am zweiten Tag von Nachforschungen bestätigte. Weiter untersucht werden muss nach Angaben einer Vattenfall-Sprecherin, ob weitere Brennstäbe betroffen sind. Der Reaktor war am 4. Juli nach einem Trafo-Kurzschluss abgeschaltet worden.

Gabriel bekräftigte, acht Atomkraftwerke einschließlich Krümmel abzuschalten. Die Behauptung der Union, dass sich bei nur noch neun Meilern eine Stromlücke auftun werde, sei «pure Wählertäuschung». Er erneuerte seine Forderung, von den Energiekonzern eine Brennelemente- Steuer zu fordern, damit nicht die Steuerzahler vier Milliarden Euro für die nuklearen Hinterlassenschaften in Asse und 2,2 Milliarden für das ehemalige DDR-Endlager Morsleben aufbringen müssten.

Nach Angaben des hessischen Umweltministeriums soll Biblis B nach einer Vereinbarung mit RWE mit «Sumpfsieben» nachgerüstet werden. Diese sollen verhindern, dass Isoliermaterial von Rohren nicht die zur Reaktor-Sicherheit nötigen Kühlsysteme gefährdet. Die Grünen forderten Gabriel auf, als Bundesaufsicht einzugreifen. Er wäre sonst bei weiteren Pannen verantwortlich, sagte Fraktionschefin Renate Künast der dpa. «Die Vorgänge in Biblis bestätigen einmal mehr, deutsche Atomkraftwerke haben eine Vielzahl von Sicherheitsproblemen. Die AKW-Betreiber müssen endlich gezwungen werden, der Sicherheit absoluten Vorrang vor ihrem Profit einzuräumen.»

In der niedersächsischen Schachtanlage Asse waren bis 1978 rund 126 000 Behälter mit schwach- und 1300 mittelschwach-radioaktivem Müll unter die Erde gebracht worden. Ins einstige Forschungsbergwerk, dessen Betrieb Anfang des Jahres vom Helmholtz-Zentrum auf das BfS überging, dringt seit längerer Zeit Lauge ein. Die nun festgestellten neuen Laugen sind mit Cäsium 137 (121 Becquerel je Liter) und Tritium (27 000 Becquerel pro Liter) unterhalb der Grenzwerte kontaminiert. Die Stabilität des maroden Bergwerks sei damit bisher nicht weiter gefährdet, sagte König. Jetzt komme es darauf an, für den Verschluss des Bergwerks Ende des Jahres die sicherste Lösung zu finden.